MAK
Internationale 
Zentralblatt für Sammler, Oebhaber und Kunstfreunde. 
Herausgeber: Herbert ehrlich und J. Hans Prosl. 
2. Jahrgang. 
Wien, 15. Jänner 1910. 
ITummer 2. 
Die Kunstsammlungen öes Freiherrn Alfons uon Rothschild. 
Von Dr. Cudtvig Hbels (Wien). 
ffs gibt in unserer alten Kunststadt Wien eine 
Illenge prächtiger Privatsammlungen, die dem 
größeren Publikum gar nicht und auch dem 
engeren Kreis uon Kunstfachleuten nur selten 
und scheuer zugänglich sind sehr zum 
Schaden der allgemeinen Kunstkenntnisse und 
des Renommes uon Wien. Während die Pariser 
Sammlungen älterer und neuerer Kunstwerke 
wiederholt ausführlich in der „Gazette de beaux 
arts“, in Ees arts“, ,,1’art et les artistes“ etc. 
besprachen und abgebildet tourden und auch 
die Berliner Kollektionen, besonders in neuerer 
Zeit, durch Zeitschriftenartikel und Ausstellungen 
bekannt geworden sind, blühen hier noch uiele 
meisterwerke ersten Ranges, Rembrandts und 
Raeburns, Tiepolos und fragonards, Gemälde 
und Plastiken des Cinquecento, Geräte und lllöbel aller 
Art im Verborgenen. Wahl sind in den lebten zwei 
Jahren manche Sammlungen, zum Beispiel die Gemälde 
des verstorbenen Herrn Trietsch, die Bronzen des Herrn 
Guido uon Rhö, die Holzskulpturen uon figdor, Graf 
Wilczek, Hans Schwort], in hübschen Werken publiziert 
worden — die ITletternichschen Gemälde sind jet]t im Hof 
museum zu sehen aber wieuiel wertvolle, historisch 
interessante und zu künstlerischem Genufj geschaffene 
Werke schlummern in den Schlössern der fürsten 
Schwarzenberg, Auersperg, Cszterhdzy? Aus Eiechtenstein- 
schem Besit] sind fast nur die Gemälde der Wiener 
öffentlichen Sammlung, einige Skulpturen, Eimogen und 
lllöbel veröffentlicht worden. Wie viele Ceute kennen die 
Schäle des Schottenstiftes, die herrliche, besonders an 
italienischen meistern so reichhaltige Sammlung des frei- 
herrn von Tücher, die Renaissancesammlung Benda und 
— last not least die nach vielen hunderten Objekten 
zählende Kunstsammlung des freiherrn Alfans (früher 
llathaniel) von Rothschild? 
mit der letjteren Sammlung hatte ich vor fünf, sechs 
Jahren, zu Eebzeiten des überaus kunstverständigen Barons 
llathaniel, öfters Gelegenheit, mich zu beschäftigen und bin 
über Wunsch der „Internationalen Sammler-Zeitung“ gerne 
bereit, aus Crinnerungen und nach llotizen in großen 
Zügen eine Schilderung zu geben, betone aber, dal] ich 
seit mehreren Jahren die Arbeiten nicht gesehen habe, 
vieles auch damals nur flüchtig besichtigen und vermerken 
konnte. Cs ist also möglich, datj einzelne wichtige Stücke 
in meiner Aufzählung fehlen, andere vielleicht ihren Plai] 
gewechselt haben. Auch kann ich bei manchen Werken 
die Bestimmung der Aleister nur nach der Tradition hier 
angeben. Wohl hatte der Crbe dieser schönen Schätje, 
Baron Alfons Rothschild, vor einigen Jahren die freund- 
lichkeit, mich zu sich zu berufen und eine fartseiqung der 
behufs Katalogisierung, Beschreibung und Abbildung be 
gonnenen Arbeiten in Aussicht zu stellen, doch habe ich 
seither nichts davon gehört, hatte auch im Drange der 
Tagesarbeit und unter der East mehrerer größerer wissen 
schaftlicher Werke faktisch nicht die Zeit, diese Angelegen 
heit zu Cnde zu führen. 
Soll ich zuerst einige Perlen der Sammlung, wie die 
herrlichen Bilder von fragonard und Boucher, von Rem- 
brandt und Tiepolo, von Prudhon und Pettenhofen, die 
dem Donatello zugeschriebene Bronze, die Reliefs von 
Rafael Donner hervarheben? Soll ich die Säle der Reihe 
nach schildern, die schon in Anlage und Ausschmückung 
Kunstwerke bedeuten und in denen die verschiedenen 
Kunstabjekte auch mit viel dekorativem Geschmack ein 
geordnet sind? tiine Vermischung beider ITlethoden wird 
im vorliegenden falle am günstigsten sein. 
Zunächst einige Worte über die (Entwicklung der 
Sammlung. Der Grund zu der über tausend Piecen um 
fassenden und an Kunstwerken ersten Ranges reichen 
Sammlung wurde von dem Vater des Barons flathaniel, 
Anselm freiherrn von Rothschild, gelegt. Die familie 
Rothschild, die schon am Anfang des 19. Jahr 
hunderts in die Reihen der hervorragendsten englischen 
und französischen Kollektionäre trat, infolge der inter 
nationalen Stellung des Hauses in Eondon, Paris, Wien 
und frankfurt a. 111. überall in fühlung mit den Kunst- 
verhältnissen und dem Kunstmarkt blieb, hat durch den 
genannten Kunstfreund auch in Wien diese neigung be 
tont. Im Jahre 1868 lief] der Baron in einem eigens 
hiefür errichteten Pavillon des Hauses in der Renngasse, 
welches heute nur für Bankzwecke verwendet wird, seine 
Sammlung aufstellen, aus der mehrere hundert Objekte, 
speziell Clfenbeinschni^ereien, in die heutige Sammlung 
übergingen, die eben durch den im größten Stile als 
Amateur tätigen Baron llathaniel ihre ganz eigenartige 
Ausbildung erhielt. Dadurch hat diese Kalllektion einen 
so einheitlichen Charakter, eine so persönliche Geschmacks 
note. Das von ihm erbaute Palais in der Theresianum 
gasse, das in seiner vornehmen Abgeschlossenheit wie
	        

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