MAK
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Nr. 15/16 
Internationale 
Ausfuhrverbote von Kunstschätzen geradeso wie 
Italien, und sendet seine Kommissäre in das Ausland, 
um v. ieder für teures Geld zurückzukaufen, was seiner- 
Zen achtlos und um geringes Entgelt weggegeben wurde. 
n)as was ich hier geschrieben habe, kann nur ein 
kleines Bild von der Geschichte und der Tätigkeit der 
Sammler und Sammlungen und ihrer Erfolge im allge 
meinen geben. 
Sammler-Zeitung. 
Meine Absicht ist nur, mit dem wenigen die Auf 
merksamkeit auf die in Wien so viel benützte und aus 
genützte, jedoch sonst von der Menge nicht gekannte 
und auch sonst wenig beachtete Kunst des fernen Ostens 
zu lenken, damit das Interesse dafür gehoben werde. 
Lieber die Literatur, Technik, Geschichte und den 
Kunstmarkt des japanischen Holzschnittes sowie über 
die Meister desselben will ich ein andermal berichten. 
ln der Pariser Gobelinmanufaktur. 
Aus Paris wird uns geschrieben: 
Paris ist jetzt in der Reisezeit gleichsam ein Heerlager 
geworden, in dem sich ein internationales Gemisch von Ver 
gnügungen drängt, die zum Teil den leichten, pikanten 
Lockungen Lutetias folgen, in größerer Menge aber jene Insti 
tutionen und Sehenswürdigkeiten bestaunen, die die meisten 
Pariser nur dem Namen nach kennen. Dies ist vor allem der 
Fall bei der G o b e 1 i n m a n u f a k t u r, bei der sich die Ein 
heimischen mit der Genugtuung begnügen, eine solche Muster- 
anstalt in ihren Mauern zu wissen, ohne die Technik einer 
Prozedur zu wissen, der man nun schon seit mehr als zwei 
Jahrhunderten eine so lange Reihe der köstlichsten Webereien 
zu verdanken hat. Die Fabrik ist an dem jetzt übermauerten 
Flüßchen Bievre gelegen, wo sich schon irn 15. Jahrhundert 
alle Pariser Färber ansiedelten, weil das Wasser sich mit 
seinem Reichtum an verschiedenen Salzen ausgezeichnet zur 
Erzielung der Scharlachfarbe eignet. 
Den Brüdern Gebeion Gobelin sagte man allerdings 
nach, daß sie die unvergleichlich schöne Farbe ihrer Gewebe 
durch den Harn von Leuten erzielten, die auf eine bestimmte 
A.rt ernährt wurden, dadurch aber frühzeitig starben, und die 
Pariser Chronik verzeichnet viele Fälle, in denen zum Tod 
verurteilte Verbrecher es sich als Gnade ausbaten, dergestalt 
»(•ch eine Gnadenfrist von einigen Monaten zu erlangen. 
Henri IV. kaufte den Brüdern die Fabrik ab und brachte 
daselbst die Vlämcn von Fontainebleau unter. Unter C o I- 
bert wurde die Anstalt staatlicher Besitz und nahm alsbald 
einen glänzenden Aufschwung. Von 1663 bis 1690 lieferten die 
Ateliers nicht weniger als 43 riesige Gobelins in der Gesamt 
fläche von 8410 Quadratellen, deren Kosten sich allein auf 
1,106.245 Pfund Gold beliefen. Mit den Werkstätten für Weber 
und Färber waren auch solche für Kunsttischler verbunden und 
unter der Direktion M a g 1 i o r i n i s wurden die geschicktesten 
florentinischen Arbeiter berufen, aus deren Händen die köst 
lichsten Arbeiten aus Marmor, Achat und Lapis-Lazuli auf den 
Prunktischen und anderen Möbel dieser Epoche hervorgingen. 
Das Genie des Malers Lebrun, dem mit zehn anderen 
Künstlern die Ausführung der Kartons, Dessins und Ornamente 
oblag, zeitigte auch im Entwerfen neuartiger Möbelformen, 
Türschlösser, Tisch- und Bettfiißen, Gueridons u. s. w. 
wunderbare Blüten. 
In der Erinnerung an die glorreiche Vergangenheit der 
Anstalt betritt man mit einem Gefühl der Ehrfurcht die alters 
grauen Räume. Und dieser Eindruck bleibt auch während des 
ganzen Rundganges lebendig: es ist dieselbe Milieustimmung 
wie in V e r s a i 11 e s, wo man sich sofort in . das Zeitalter 
Louis XIV. versetzt fühlt. Die Stille, die überall herrscht, 
kontrastiert so seltsam mit dem fieberhaften Gebraus moder 
ner Fabriken, daß man unwillkürlich die Stimme dämpft und 
nur auf den Fußspitzen umherzugehen wagt. Kein Rauch, kein 
Staub, kein Maschinengedröhn. Hohe, lichte Arbeitsräume, alt 
vaterisch lieb in ihrer behaglichen Einrichtung, und eine 
hochintelligente Arbeiterschar, fast jeder einzelne ein wahrer 
Künstler. In der 1 at hat sich in der Pariser Gobelinwerkstätte, 
was die Arbeitstechnik anlangt, seit zwei Jahrhunderten nichts 
geändert, und cs ist die Befolgung einer treugehüteten Tradition, 
mit der . hier die Söhne den Beruf des Vaters fortsetzen. 
Waren irn 16. und 17. Jahrhundert die Vorschriften dieser 
Zunft sehr strenge, dauerte die Lehrzeit acht Jahre und 
darüber und untersagte ein Verbot jede Arbeit bei Lampen 
licht, so hat sich dies alles bis auf unsere Tage rigoros erhalten. 
Wenn man die Listen der Arbeiter seit den Tagen 
Coiberts durchsieht, so trifft man stets dieselben Namen, 
Generationen berühmter Künstler, die trotz der etwas kärg 
lichen Besoldung dem Beruf des Vaters treu bleiben, ln der 
Anstalt selbst erzogen, von frühester Jugend an mit allen Ge 
heimnissen des künftigen Berufes vertraut, bilden die 300 Ar 
beiter eine einzige große Familie, wohnen in den Neben 
gebäuden der Anstalt, haben zu ihrer Verfügung einen großen 
Park, wo jeder Haushalt sein eigenes Gärtchen besitzt, und 
auch die Frauen und Töchter sind fast alle in den Reparatur 
werkstätten angestellt. 
Was die Methode der Teppichweberei anlangt, so ist man 
jetzt ausschließlich zu der »haute lisse« zurückgekehrt, des 
halb so genannt, weil da die Arbeitsstühle vertikal gestellt 
sind, zum Unterschied von der vlamländischen »hasse lisse«, 
wo der Weher nur liegend arbeiten konnte, was ebenso ge 
sundheitsschädlich wie anstrengend war. Der Künstler be 
findet sich dabei hinter dem Webstuhl, hat die Vorlage und 
das Modell ebenfalls im Rücken und kann sich' von dem Re 
sultat seiner Arbeit nur durch einen kleinen Spiegel über 
zeugen, der hinter der Webkette angebracht ist. Eine Paus 
vorlage des Kartons bietet ihm einigermaßen einen Anhalts 
punkt für seine Arbeit. Vor allem aber kommt es auf seinen 
Geschmack, die Geschicklichkeit und vollständigste Kenntnis 
des Metiers an; man kann sich einen Begriff von der unend 
lichen Geduld eines Gobelinwebers machen, wenn man er 
fährt, daß die gewandtesten unter ihnen im Verlauf eines 
ganzen Jahres nicht mehr als einen Quadratmeter bewältigen. 
In dem Maße, als die Fortschritte der Färberei geradezu 
staunenswerte wurden, denn man erzielt von jeder Farben 
nuance mehr als 30 Töne und bringt es dergestalt auf mehr 
als 14.520 Schattierungen, begann sich in der Gobelinweberei 
eine Neigung zu Künsteleien bemerkbar zu machen, die bald 
zu einer völligen Dekadenz dieses herrlichen Kunstzweiges 
geführt hätte. Man suchte die Wirkungen der Malerei mit 
Helldunkel und verdämmernden Schatten möglichst getreu 
nachzuahmen, Porträts wiederzugeben und gelangte so zu 
einer Zwitterkunst, von der man sich erst in der zweiten 
Hälfte des vorigen Jahrhunderts wieder abwandte. Heute 
steht die Gobelinmanufaktur unter ihrem Direktor 
Geoffroy wieder auf ihrer alten Höhe. 
Die Gobelins gelangen selten zum Verkauf; meist werden 
sie von der Regierung als Geschenke an auswärtige Fürsten- 
hüfe gesandt. Wie hoch sie in der allgemeinen Schätzung 
stehen, zeigt die Tatsache, daß unlängst im Hotel Drouot die 
beiden kleinen Gobelins »Don Quichotte«, die 1862 nur 
5000 Franken brächten, für 1 4 0.000 Franken verkauft 
wurden.
	        
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