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Objekt: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1897 / 12)

 
bringen. Es genügt hier der Hinweis auf die Thatsache, dass die geist- 
reiche Ornamentik, von der hier einige Motive angezogen wurden, ihren 
Schwerpunkt in der frei geschaffenen Construction hat, die einestheils 
schon in der praktisch geübten Flechtarbeit zum Ausdruck kommt, anders- 
theils aber auch nur durch die ordnungsmäßige Application verschiedener 
Flachfiguren entstand, und zwar ohne die Absicht der Nachahmung irgend 
eines Vorbildes, wie es die Natur vor Augen stellt. 
Da es bis jetzt an einer ausreichenden, endgiltig in Gebrauch ge- 
nommenen Terminologie der Ornamentik fehlt, so mag es wohl gestattet 
sein, hier einstweilen Beziehungen zu verwenden, die, wenn auch für 
diesen Gegenstand nicht gebräuchlich, doch allgemein verständlich sein 
dürften. Ich möchte die Verzierungen aller Art, die durch ein ordnungs- 
mäßiges Nebeneinandersetzen der verschiedensten Formen ent- 
stehen, aggregirte Ornamente nennen. Wie häufig sie vorkommen, und 
wie verschieden ihr Charakter sein kann, braucht Niemandem näher er- 
klärt zu werden, der sich auch nur in geringem Grade mit Zierformen 
vertraut gemacht hat. 
Das Aggregiren ist unbestritten die einfachste Art der ornamentalen 
Anordnung; es wird immer und immer wieder in verstärktem Maße an- 
gewendet, wenn in der Entwicklung der Zierweisen sich eine neue 
Richtung geltend macht, oder gar ein Rückschlag eintritt. Wir sehen 
dies auch in der kritischen Stilperiode unserer Tage, wo insbesondere 
das Aggregat einfacher oder complicirter Elemente uns als simple 
Reihung oft sogar in der langweiligsten Aufdringlichkeit entgegentritt. 
Neben den aggregirten Formen, die locker angeordnete (isolirte) 
Elemente zeigen, finden sich in mannigfaltig verschiedenen Lösungen die 
Ornamentconstructionen, deren Theile gemeinsame Punkte und Linien 
aufweisen. 
Es erscheint fast überiiüssig, erst zu erklären, dass wir hierher 
gehörige eminente Beispiele in den Cdnstructionen des gothischen Maß- 
werks besitzen. Die Umrisse seiner kleinsten durchbrochenen Felder 
berühren sich vielfältig, in abwechslungsvollem, geistreichern Spiel, um 
ein auch physisch fest zusammenhängendes und widerstandsfähiges Ganzes 
zu ermöglichen. Diese aggregirten Formen möchte ich einer Gruppe 
constructiver Lösungen zuweisen, die ich die agglutinirenden heiße. 
Hierher zu zählen sind zahlreiche orientalische Ornamente, musivische, geo- 
metrische Muster, wie die der Cosmaten u. s. w. Man hat allerorten und 
zu verschiedenen Zeiten viel davon gefabelt, wie gewisse Pflanzenformen, 
etwa die Verästlungen im schönen Eichenwalde, als Vorbilder alles 
gothischen Verzierungswesens gedient hätten. Gerne überlasse ich es 
Jedem, aus dem schönsten Baumschlag, dessen man habhaft werden 
kann, die Zusammenstellungen brauchbarer Zirkelschläge herauszufinden, 
die einer, wenn auch nur einfachen Maßwerltfüllung zum Prototype 
dienen können.
	        
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