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Internationale Sammler-Zeitung. 
Nr. 4 
nicht weit von seiner »Emilienne d’Alengon«, deren 
dekolletiertes Auftreten im Cafe Chantant einen tugend 
haften Spießbürger aus dem Lokale vertreibt. Entsetzt 
spannt er im Wegeilen seinen Regenschirm auf, 
um von der Verführerin .ia nichts zu sehen. Fast alle 
heute schon so selten gewordenen Blätter von 
Toulouse-Lautrec sind da, »La Qoulue«, »Reine de 
.loie«, auch das durch seinen erschreckenden 
Realismus geradezu abschreckende, aber technisch 
meisterhafte Blatt »An Pied de i’Echafaud«. Georges 
Meunier ladet zum Besuche des Concert Duclerc in 
recht absonderlicher Weise ein, indem er einen frisch 
Aufgehängten ganz naturgetreu an die Wand zaubert. 
Vom blutrünstigen Rochegrossc ist das herrliche 
Blatt für Charpentiers Oper »Louise« da, mit dem 
Liebespaar vor dem tief unten in Lichterglanz strahlen 
den Paris. Fesselnd wirkt Barrercs »En Bombe« und 
Galops »Scmcllc Michelin«. Der belgische Pointillist 
Rysselberghe ist durch sein berühmtes Blatt »La 
Libre Esthetique«, G r a s s e t durch die »Librairie Ro- 
mantique« vertreten. Gerbaults Säugling will weg 
von der Brust der Amme zur Schale Schokolade Char- 
pentier. R o u b i 11 e s wilder Apachentanz. S t e i n 1 e n s 
Radlerin mitten in einem Haufen kreischender Gänse. Bei 
Grün arretieren zwei Pariser Schutzmänner nachts 
eine Kokotte. »Wohin führt ihr sie?« »Auf die Geige!« 
(Pariser Weibergefängnis). In F o r a i n s »Salon des 
Humoristes« spielt in Zeichenmanier und in ganz wenigen 
Strichen ein weiblicher Akt mit Zylinderhut und Maske 
Fangball. Von Engländern sind die berühmtesten Blätter 
von Greiffcnhagen, Beardsley, Beggarstaff, Anning Bell 
und Mackintosh da; aus Nordamerika das dekorative 
Panneali von Louis J. Rhead, das später als Ankündigung 
für »Le Journal de la Beaute« gedient hat, dann Blätter 
vom amerikanischen Präraphaeliten Bradley und 
vom Zeichner der modernen amerikanischen Frauen 
schönheit, G i b s o n. Altmeister Israels mit seinem 
Plakate zur Ausstellung eigener Werke in London. Ein 
altjapanisches Theaterplakat in Guasche fällt auf durch 
Farbenpracht und durch die herrlichen Stoffmuster. 
Unter den Deutschen sind Namen allerersten Ranges: 
Max Rlinger (Sezession), Greiner (Klassischer 
Skulpturenschatz), Th. Th. Heine (Zeis’ Tintenteufel 
und Züstautomobile); das starr, fast hypnotisierend aus 
blickende Weib Hans U n g e r s für die Dresdner Aus 
stellung 1903. Aus Oesterreich: Hans Schließ man ns 
Silhouettenplakat für Pötzls Schattenbilder, dann 
Orliks »Weber«. Die Blätter der bekanntesten Wiener 
Plakatkünstler Kolo Moser, Alfred Roller und Hein 
rich Lefler sind nicht direkt, sondern aus Privatbesitz 
beigesteuert. Aber Vcith, Schram, Ernst und Gustav 
Klimt, Engelhardt, Karpellus und Schönpflug sind selt 
samerweise gar nicht vertreten. Karl Josefs »Der 
Morgen« wirkt durch den geradezu herausfordernden 
logischen Widerspruch seines Sujets zu dem ange 
priesenen Gegenstände. Die zwei dekrepiten Greise, die 
zu seinen stereotypen Figuren gehören, sollen für die 
neue Zeitschrift Stimmung machen. C. v. Sturs 
Debardeure erinnern unsere ältere Generation an 
H o r n i c k s »Universum« aus den Siebzigerjahren. 
Aus den modernen 130 deutschen Plakaten sprüht 
viel Witz und Humor. Aber man findet hier schon 
exzessive Flächenwirkung bis zur Unkenntlich 
keit für den Nahestehenden, und zeichnerisches 
»Hinweglassen« bis zur Brutalität. So mancher 
Witz ist nicht immer sympathisch. Münchner und Ber 
liner Plakatanstalten haben Blätter ihrer besten Künstler 
hergeschickt: Scheurich, Luzian Bernhardt, Julius 
Klinger, Dietz, Hengeler, Obermeier, Stuck, L. Hohlwein, 
Jank, Prätorius u. a. Gewisse Plakate von Scheurich, 
Bernhardt und Julius Klinger vergißt man nicht so leicht, 
wenn man sie gesehen hat. Stucks »Auge« für die 
letzte Dresdner Hygienische Ausstellung hat sich der 
berühmte Künstler wohl nur als »Blague« gedacht — es 
verfolgt einen noch im Traum! Wenn es die Aufgabe 
des Plakats ist, suggerierend zu wirken, so gebührt 
diesem allbekannten Plakat der erste Preis. Gegenüber 
diesen 130 deutschen Plakaten nehmen sich die 13 öster 
reichischen Plakate recht armselig aus, allerdings nur 
durch ihre Zahl, nicht durch ihre Qualität. Sehr charak 
teristisch ist zum Beispiel Längs Maske der Tänzerin 
Grete Wiesenthal. 
Unter den Plakatentwürfen deutscher und öster 
reichischer Provenienz stehen wohl Franz Waciks 
»Apollokerzen«, H. Grom-Rottmeyers »Zentral 
bad« und »Kolosseum«, dann manches von Lieben 
wein an erster Stelle durch Einfachheit der Mittel, Klar 
heit und Prägnanz des Ausdruckes, gesunden Humor der 
Erfindung. Auch viele andere gerade österreichische 
Künstler bekunden einen Geschmack und eine Vornehm 
heit, die so manchen deutschen Künstlern abgeht. Aber 
auch unter den Oesterreichern stößt man schon auf 
manche, die nicht mehr geschmackvoll auffallen wollen, 
sondern nur auffallen, schlechtweg. Ob solche Blätter 
auch Besteller finden werden? Das erste Erfordernis 
eines Plakates, um so mehr eines Künstlerplakates, ist 
Zweckmäßigkeit, also leichte Leserlichkeit des Textes. 
Sonst hat der Beschauer vielleicht einen Genuß an einem 
hübschen Farbenfleck, aber der Besteller des Plakates 
kann lange warten, bis seine Ware bestellt wird. Ist also 
der Text in noch so modernen, aber unleserlichen Lettern 
gedruckt und ein Rebus, dann bleibt niemand auf der 
Gasse stehen, um den Rebus zu entziffern. 
In dieser Richtung hat nun unter so manchen recht 
unleserlichen Plakaten das eigene Plakat dieser Ausstel 
lung jeden Rekord geschlagen. Es ist ein typisches Schul 
beispiel, wie ein Plakat nicht ausschauen soll. Im 
»Hagenbund« ist jetzt bekanntlich die Norwegische Aus 
stellung. Vor wenigen Tagen sieht der bekannte Kunst- 
referent einer großen Tageszeitung vor dem Portale der 
Sezession zwei Fremde stehen, die sich vergeblich be 
mühen, aus den orangegelb eingefaßten Mäandern und 
dem weißen Begleitbogen des Ausstellungsplakates 
etwas Leserliches zu entziffern. Schließlich traten sie ein 
und der eine ruft: »Also das ist die Norwegische Aus 
stellung?« 
In Belgien wollte man kürzlich, wie unsere Leser wissen 
(siehe Nr. 3, p. 42 und 43, »Zwei neue Bilder von Rubens ent 
deckt?«), zwei bisher sehr gesuchte Originale R u b e n s scher 
Bilder, »Die heilige Dreieinigkeit mit Engel« und »Lot aus 
Sodom fliehend«, entdeckt haben. Nun meldet sich bereits einer 
der besten Rubens-Kenner, der Antwerpener Kunstgelehrte Prof
	        
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