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Volltext: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

REISE NACH SALZBURG. 
n Salzburg ist auch das Tote lebendig. Die Steine reden. In 
den welkenden Mauern zittert ein Nachhall der grossen 
Historie, webt ein Hauch von abgestandenem Weihrauch, 
vermischt mit leisem Parfüm höfischen Courtisanentums. Selt 
same Mischung; so seltsam wie die Madonnenbilder in Salz 
burgs alten Kirchen und Kapellen, diese gnadenreichen 
Madonnenbilder, die voll irdischer Lebensfreude lächeln, so hold 
verschämt lächeln in dem Heiligenscheine, verwirrt und ver 
wirrend zugleich, dass der fromme Beter, von dunklen Ge 
fühlen gepackt, die heissen Augen von diesem Gnadenreichtum 
nicht abzuwenden vermag. Abends werden Stimmen laut, die 
aus anderen Jahrhunderten kommen. Das Glockenspiel. Dünne, 
gebrechliche Klänge, die in die Luft hinaufwimmern, hell und 
zart wie Vokalmusik am Spinett begleitet, und zierlich und 
geziert wie Menuettschritt. Sehr viel verblichene Grazie. Ist 
das süss bimmelnde Getändel zum Schweigen gebracht, dann 
geht ein frommer Schauer durch die horchende Stadt. Der 
„Stier von Salzburg^ kommt an die Reihe. So heisst das ur 
alte Orgelwerk auf der Hohenveste, angeblich aus der Zeit des 
Erzbischofs Leonhardt v. Keutschach, der die Salzburger nach 
seiner Pfeife tanzen lehrte. □ 
Auf das siebzehnte Jahrhundert das vierzehnte. Da geht es frei 
lich aus einem ganz anderen Ton. So wie es die damalige 
Zeit brauchte und jener Mann, dessen kernige Bauernfaust 
das Weihrauchfass ebenso kunstgerecht schwang wie das 
Schlachtschwert. „Und soll mein halb's Bistum draufgehn!“ 
Aber die bis dahin autonome Stadt musste sich seiner Gewalt 
beugen. Seither gellte es die Orgel tagtäglich dem Bürger in 
die Ohren. Er merkt heute noch auf. Eine brausende Tonfülle 
giesst sich von obenher über die Stadt, schwerflüssig, mächtig 
anschwellend, aus allen Registern strömend, mit ungeheurer 
Gewalt, als ob der Herr mit allen Donnern niederführe, dann 
wieder in sanften Zügen, weich und hochgelind wie die 
Stimme der Seligen. Es ist das stärkste Mittel jener Macht, 
welche das geistliche Salzburg über seine Seelen hatte. Der 
Alltag steht aufhorchend still; erst wenn oben der letzte Ton 
verknurrt, geht er wieder seinen trägen Lauf. Die alten Häuser 
schliessen die Fensterläden zu wie müde Augenlider; sie 
schlafen. Die Brunnen auf den einsamen Plätzen rauschen ihre 
einförmige Weise und die stillen Gassen schaudern auf, wenn 
in ihre alten Träume laute Schritte hineinhallen. Die Stadt 
scheint wirklich entschlafen. Sie scheint es nur. Da und dort, 
wo ein roter Vorhang einen Blutschein auf das Pflaster wirft, 
fliegt klirrend eine Tür auf, Licht und Lärm dringen aus der 
Bierstube auf die Strasse und sind im nächsten Augenblick, 
als die Tür wieder krachend zufliegt, wie abgeschnitten. 
Schwarz und ungetüm liegt ein unförmiger Gebäudekomplex 
da, ungastlich, keine Pforte, kein Licht. Aber durch die Mauer 
dringt Gesang, gedämpft zwar, doch vernehmlich, Männerchöre 
mit frischen, kräftigen Stimmen. Was sie singen, ist nicht fromm. 
Gewiss nicht! □ 
Der Salzburger trägt die Frömmigkeit wie ein Kleid, das man 
anlegt der Leute wegen. Weil's so Sitte ist. Um die Sitten steht’s 
darum nicht besser. Die vielen Wirtshäuser haben ihre Stamm 
gäste so gut wie die vielen Kirchen. Wie immer und überall, 
sie geben ihre Gäste einander ab, „Man schmaust, tanzt, macht 
Musik, liebt und spielt zum Rasen,“ schreibt der Historiker 
vor mehr als hundert Jahren. Auch die Erzbischöfe taten darin 
das Ihrige. Einer, Wolf Dietrich, war heimlich vermählt mit 
einem Bürgersmädchen. Salome Alt war das schönste Mädchen 
ihrer Zeit. Sie machte die Honneurs bei den fürsterzbischöf 
lichen Banketten. Die galanten Abbés, die Domherren mit den 
grünlichblassen Gesichtern waren Feinschmecker. Die gemalten 
und gemeisselten Madonnen atmen noch das Leben jener 
süssen Frauen, von denen die frommen Väter in ihren Gräbern 
träumen. Salzburg war auch in der kirchlichen Zeit eine Mon- 
daine, die den Heiligenschein trug wie eine Kokette. Bei aller 
Gottesfurcht ein bisschen Diebsgelüst ... □ 
Unzertrennlich von dem Namen Salzburg ist die Vorstellung 
einer entzückenden Landschaft. Anmut und Erhabenheit 
ist in dem Bilde vereinigt. Es hat die Lieblichkeit des 
Hügellandes und die Grossartigkeit des Felsengebirges. Von 
Hellbrunn aus gesehen, liegt die Hohenveste auf dem grünen 
Sockel des Mönchsberges wie eine mächtige Märchenkrone. 
Sie ist das Verteidigungswerk des mittelalterlichen Salz 
burgs, ein Zwängsalzburg. In späteren Jahrhunderten gab 
die neue Kultur von Italien her dem Bauwesen einen anderen 
Sinn. Die Kunst der italienischen Städterepubliken wurde zum 
Vorbild, wie überall in Europa, aber in keiner anderen Stadt 
ist der neue künstlerische Niederschlag für das Gesamtbild so 
entscheidend gewesen als hier. Wolf Dietrich war nicht bloss 
Bischof, er war vor allem Weltmann und ein Freund der 
schönen Künste. Dem Haus der Mediceer ist er durch Ver 
wandtschaft und Gesinnung verbunden. Die berühmtesten 
Künstler der Zeit haben hier gearbeitet; man nennt Scamozzi, 
Solari, Hildebrandt, Fischer von Erlach u. v. a. Der Fürst 
durfte es wagen, den Fuss wieder ins freie Land zu setzen; 
Mirabell entsteht als neues Stadtschloss und Hellbrunn als 
Sommerschloss, beide durch eine herrliche Gartenarchitektur 
ausgezeichnet, viel zu wenig gewürdigt, denn sie liegen uns zu 
nahe und auf österreichischem Boden, was Grund genug ist. 
In der alten Stadt Salzburg, auf der einen Seite durch den 
Fluss, auf der anderen durch den Felsen und die Hohenveste 
in einen ausserordentlich günstigen Verteidigungsstand gesetzt 
und in einer für die damaligen Verhältnisse strategisch überaus 
bevorzugten Lage, geht eine künstlerische Umwandlung vor sich. 
Die Urzelle des Stadtwesens, der Waagplatz, die Judengasse, 
die Getreidegasse, die Mittelalterlichkeit der angrenzenden 
Gassen und Gässlein haben sich zum grossen Teil erhalten, 
aber sie schliessen einen Kern von Residenzen und Residenz 
plätzen ein, deren räumliche Schönheit eine wesentlich andere 
Baugesinnung ausdrückt, als bei dem pfennigfuchsenden Bürger 
tum in den engen, winkeligen Gassen, oder in den älteren Tagen 
der Verteidigungssorgen zu erwarten war. Der Bezirk St. Peter, 
der Kapitelplatz, der Domplatz, der Residenzplatz, der Mozart 
platz und Universitätsplatz, sie stellen ein Gefüge herrlicher, 
geschlossener Platzgebilde dar, luftigen Fürstensälen gleich, eine 
Raumentfaltung, die Architektur im besten Sinne ist, verschwen 
derisch im Herzen der engen Stadt. Fürstenkunst, nicht Bürger 
kunst. Aber Mirabell, das schon ausserhalb des eigentlichen 
alten Stadtbereichs, auf dem anderen Ufer der Salzach liegt, 
und Hellbrunn, gar eine Stunde weit in der breiten Talsohle 
gegen Untersberg, beweisen auf das klarste, DASS DIE BAU 
GESINNUNG DER FÜRSTEN UND IHRER KÜNSTLER 
AUF DAS GANZE GERICHTET WAR. Auf dem Rosen- 
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