MAK
Seite 106 
Internationale Sammler-Zeitung 
Nr. 14 
wurde. Kopf, Hände und Nacken sind mit besonderer 
Sorgfalt, Liebe und Zartheit ausgeführt, während der 
Torso und die Draperie augenscheinlich nach dem 
Gliedermann modelliert und schematisch behandelt 
sind. 
Aber dieses Bildnis nimmt unsere Aufmerksamkeit 
nicht nur als ein kunsthistorisches, sondern vielleicht 
noch in grösserem Masse als ein kulturhistorisches, 
Dokument in Anspruch, denn es führt uns einerseits 
gleichsam den letzten Athemzug der Miniaturmaltechnik 
vor Augen, und fixiert den Zeitpunkt ihres Verschwindens 
vom Schauplatze, andererseits aber beweist es, daß und 
welche Anstrengungen und Versuche gemacht wurden, 
um sie aus der Sphäre eines portatilen Bijou in die 
höheren Regionen eines „Kabinets- oder Galeriestückes“ 
hinüberzuretten. Aber vergebens — die Photographie 
blieb Siegerin auf dem Kampfplatze und der gefeierte 
Künstler gründete zwei Jahre vor seinem Tode aller 
dings für seinen Stiefsohn Hung finge r, das erste 
photographische Atelier in Charkow. Es sei schließlich 
noch hervorgehoben, daß in der Familie Medveys 
Künstlerblut pulsierte und sich bis in die vierte Ge 
neration vererbte, denn seine ältere Schwester Ludwika 
heiratete den aus der Samborer Gegend stammenden 
Bildhauer Hans Bitterlich, Bruder des Malers 
Eduard, sein jüngerer Bruder Otto verließ die militärische 
Karriere, um sich auch der Miniaturmalerei zu widmen. 
Er malte noch kurz vor dem Tode des Kronprinzen 
Rudolf dessen Porträt in Aquarell und starb in Berlin, 
während dessen Sohn Heinz gegenwärtig in Hamburg 
als Aquarellist und bezeichnender Weise auch als Pho 
tograph tätig ist. Ein Urgroßenkel unseres Meisters, 
der 1911 in Wien geborene August (IV.) Medvey legt 
ein grosses Talent für die Zeichnungskunst an den 
Tag und lernt an einer Gewerbeschule in Wien, um 
sich für den Künstlerberuf vorzubereiten. 
A. FÖRSTER 
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Antiquitäten 
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WIEN L, Kohlmarkf 5. 
Die fafscfie ‘Uenus Seneirix. 
Vor einigen Monaten hatte sich der Kunsthändler 
A d a m i a n so sehr um die französische Republik ver 
dient gemacht, daß man ihm in Paris die akademischen 
Palmen verlieh. Mit dem Gelde des Barons Roth 
schild und für die Summe von 150.000 Lire war es 
ihm gelungen, in Neapel einen „echten Torso von 
Phidias“ zu erwerben, eine „Venus Genetrix“, die 
irgendwo in einem verschlossenen Palaste von der Ge 
schichte und den Archäologen übersehen worden war. 
Nun wird bekannt, Haß es sich in diesem Falle 
wieder um eine dreiste Fälschung handelte. Ein Anti- 
tiquar in Neapel gesteht sans gene ein, daß er den 
Pariser Kunsthändler „hereingelegt“ hat. Er erzählt 
folgendes: „Die ,Venus' ist ein K u n s t s c h m a r r e n. 
Ich habe sie nach Bildern aus einem alten Torso fabri 
ziert. Im Palais eines Marchese, der am Geschäfte be 
teiligt war, stellten wir das .Wunderwerk' auf. Ueber 
die Wände spannten wir alten Damast, und die Be 
leuchtung wurde so berechnet, daß die Statue verhüllt 
werden mußte, und dafür zeigte, was sich sehen ließ. 
Als wir zum erstenmal die Lichter andrehten und 
unsern Schatz ansahen, blieb ich selber verblüfft. So 
schön war meine Phidias-Venus“. 
Wir zeigten sie zunächst dem Direktor eines nor 
wegischen Museums. Er sah sie lange an, lächelte dann 
und sagte zu uns: „Das ist nicht für mich. Verheiratet 
sie mit einem Amerikaner!“ Da fanden wir, daß 
man noch gewisse Korrekturen vornehmen mußte. Darauf 
luden wir verschiedene berühmte Antiquare ein. Einige 
fielen glatt herein, andere weniger und trugen so mit 
ihren Bemerkungen dazu bei, daß wir noch weitere 
Verbesserung anbrachten. Schließlich kam Adamian im 
Aufträge Rotschilds. Er kaufte den Phidias für 150.000 
Lire und zahlte 90.000 an. Die: 60.000 werden nun 
nicht mehr kommen. Aber auch die 90.000 sind genug. 
Ich glaube nicht, daß er behaupten wird, wir hätten 
ihn betrogen. Zum Teufel auch! 400.000 Lire hat man 
vor dem Kriege für das „Mädchen von Anzio“ gezahlt, 
die weder von Phidias noch von Lysipp ist, und da 
soll einer im Ernst glauben, bei den teueren Preisen 
von heute einen Phidias für 150.000 Lire zu bekommen! 
Für 90.000 Lire kann man wirklich nicht mehr verlangen, 
als wir geliefert haben, und die Palme gab es noch 
umsonst dazu.“ 
ln Italien lacht man über diesen Streich. In Paris 
hat man keinen Grund zur Heiterkeit, zumal sich der 
artige Kunstskandale in unheimlicher Weise mehren.
	        

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