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Internationale 
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Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde. 
Herausgeber: Norbert Ehrlich. 
19. Jahrgang. Wien, 1. Oktober 1927. Nr. 18. 
Sieftere c ODiener tHuRtionen. 
Von Sitfred ‘Watefier-JTlottfiein (Wien). 
Den großen Wiener Auktionsrummel in den 
Siebziger- und Achtziger-Jahren habe ich nicht mit 
gemacht; aber miterlebt als Kind, als erblich be 
lastetes Mitglied einer Familie, die bereits durch vier 
Generationen mit der Kunst eng alliiert war. Im Jahre 
1848 war mein Urgroßvater mütterlicher Seite, Hof 
rat Leopold W e 1 z 1 von Wellenheim gestorben. 
Als Antikenfreund, noch mehr als Numismatiker hatte 
er sich einen guten Ruf erworben und sein drei 
bändiger Katalog ist noch heute ein wichtiges Werk. 
Weniger bekannt dürfte es sein, daß er für seine 
Person ein entschiedener Gegner der achtstündigen 
Arbeitszeit und der langen Urlaube war. Als man ihn 
zur ewigen Ruhe brachte, klang der an seinem Grabe 
gehaltene Nachruf in die Worte aus: „Er diente fünf 
zig Jahre dem Staate, ohne auch nur einmal auf 
Urlaub zu gehen“. Sonderbar, aber doch begreiflich 
wenn wir uns vergegenwärtigen, wie gediegen damals 
- die Wiener Gesellschaft war, wie bescheiden in ihren 
Ansprüchen auf Unterhaltung und Zerstreuung, welche 
dieser Münzenfreund im Studium und Ordnen seiner 
numismatischen Schätze fand. Mein Großvater 
Johann Georg Walcher von M o 11 h e i n wurde 
als letztes Opfer der Wiener Cholera im Dezember 
1854, unmittelbar nach dem Tode des Malers R a n f tl, 
welcher derselben Epidemie erlag und mit dem er eng 
befreundet war, seinen archäologischen und biblio- 
philischen Liebhabereien entrissen. Sein einziger Sohn, 
mein Vater Hofrat Leopold Walcher von Molt 
hein hatte bereits von seinem Großvater die ersten 
Anregungen und Anleitungen erhalten, wurde leiden 
schaftlicher Kunstfreund und Sammler, später Kurator 
des Oesterreichischen Museums für Kunst und Industrie 
und einer der wenigen Besitzer der großen goldenen 
Medaille für Kunst und Wissenschaft. Seinen Erzäh 
lungen und seiner hinterlassenen Bibliothek danke ich 
die genauere Kenntnis der ' eingangs erwähnten 
Wiener Auktionen in den 70er und 80er Jahren. 
Sorgfältig hatten meine Vorfahren und namentlich 
mein Vater Kataloge gesammelt, unter welchen jener 
einer Amsterdamer Versteigerung vom Oktober 1758 
mit den Preisen und den Namen der Käufer als der 
älteste an der Spitze steht. 
In den Sechziger und Siebziger Jahren sah Wien 
die Auktionen der berühmten Sammlungen J. D. 
Böhm (1865), Heinrich Adamberger, (April 
1871), Wilhelm Koller (Februar 1872) und Stefan 
Ke gl evich (März 1878), weiters die Nachlaßver 
steigerungen der Künstler Hans Gasser (April 1869), 
Jacob A 11 (Jänner 1876), Ferdinand W al d m ü 11 e r. 
(Februar 1878) und Professor Geiger (April 1881). 
Unter diesen Sammlungen umfaßte die des Maler 
farbenfabrikanten Wilhelm Koller in der Wind 
mühlgasse 4268 Nummern (Gemälde, Handzeichnun 
gen, Antiquitäten und Werke der Graphik), jene des 
Heinrich Adamberger, Kurier des Kaisers, 
Fleischmarkt 6, nahezu tausend Kunstgegenstände 
von musealem Wert. Weitere bekannte Sammler jener 
Zeit waren der Hofkapellmeister Johann H e r b e c k, 
und Franz Baptist Hauptmann, der Hotelier vom 
„Goldenen Lamm“ in der Praterstraße. 
Alle diese Kunstfreunde hatten das Sammeln un- 
gemein leicht. Eine unerschöpfliche Quelle war der 
T andelmarkt, auf dem Direktor Böh m für zwei 
Dukaten zwei Holbeins erwarb, die auf. seiner 
Nachlaßauktion 12.000 Gulden erzielten. Die wenigen 
Kunsthändler damaliger Zeit, Leop. Schafranek 
(1850—1859 in Krems, ab 1860 Wollzeile 31, später 
in der Nachfolge Graben, heute Kohlmarkt), Max 
Blum (ursprünglich türkischer Warenhändler, Zirkus 
gasse), Carl Jodocus Meyer, VI., Hofmühl 
gasse 7, Johann Docker (auch Musikalienhändler), 
I, Rothenturmstraße Nr. 4, Rudolf Zelebor, 
III., Steingasse 3, Heinrich C u b a s c h, I., Kohl 
markt 11, Heinrich D o 1 1 h o p f, III., Haupt 
straße 2, Egger, I., Herrengasse Nr. 5, und 
Ratze rsdorfer, sowie der Oberoffizial Lang 
im militärgeographischen Institut und der Tonkünstler 
und Musikprofessor Franz Kärgling versorgten 
die wenigen damaligen Wiener Sammler regelmäßig 
mit schönen Dingen. Der letztgenannte freiwillige 
Kunsthändler wohnte in der Köllnerhofgasse 4 im 
fünften Stock, hatte seine verkäuflichen Objekte 
unter dem Klavier verborgen und pflegte, falls er 
einen Käufer bei sich hatte und ein zweiter erschien, 
diesen vorsichtshalber bis zur Abwicklung des ersten 
Geschäftes in einem Nebenzimmer einzusperren, ein 
Vorgang, welcher die Gräfin N ä k o einmal in eine 
sehr unangenehme Situation brachte. 
Im eigentlichen Kunsthandel mit Gemälden sehen 
die Firmen A r t a r i a (goldene Medaille, Wien 1839), 
Wawra und Neumann auf eine mehr als hundert 
jährige Tätigkeit zurück, bezieh, werden eine solche 
in kurzer Zeit erreichen.
	        

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