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I n t e r n a tio n aIe S a m m1e r-Zeitun g 
Nr. 2 
Seite 12 
mit Bleistift allerhand Unterweisungen an die Diri 
genten an den Rand hingeschrieben, ebenso humor 
volle Grüße an Simon, dem er das eine und andere 
Manuskript dezidierte, so als wertvollstes „Eine Nacht 
in Venedig“. 
In die intimsten Dokumente war dem Besucher 
der Einblick verschlossen: in die umfangreiche Mappe 
von Briefen von und an Johann Strauß, letztere von 
seinen berühmtesten Zeitgenossen und Freunden her 
rührend. Viele der Briefschreiber weilen noch unter 
den Lebenden und die Diskretion verbietet noch die 
Veröffentlichung. 
Josef Simons Heim in der Schottengasse, das mit 
wertvollen Bildern geschmückt war, gab den stim 
mungsvollsten, ergänzenden Rahmen zu diesem pri 
vaten Archiv, das, wie wir hören, zum Teil der Bib 
liothek der Stadt Wien, zum Teil der Gesellschaft der 
Musikfreunde zufällt. 
Eine Slaffaet-JTIadonna in EKafRutia. 
'Üon Dr. fRrtur 31. 5. 31 o y (Slew-'Uork). 
Es ist in der Tat eine kühne Behauptung, vorzu 
geben, daß eine Madonna von Raffael in Kal 
kutta entdeckt worden sei, wenn man bedenkt, daß 
nicht weniger als 40 Madonnenbilder existieren, die 
alle auf Raffael zurückgeführt werden, von denen 
jedoch nur 25 als Originalwerke anzusehen sind. Un 
geachtet dessen halte ich trotzdem die Behauptung 
aufrecht, daß jenes alte Bild, von dem ich spreche 
und das bei einem kleinen Kunsthändler aufgefunden 
und für wenige Rupien verkauft wurde, ein echter 
Raffael sei. 
Das Bild ist in dem Ausmaß von 38 : 38 gemalt. 
Die Komposition umfaßt zwei Figuren, die sitzende 
Madonna und ihr Knäblein, das zur Hälfte auf den 
Knien der Mutter steht. Keinerlei Figur oder Orna 
ment ist im Hintergrund zu sehen, der dunkel gehalten 
ist und die beiden Figuren sich lebhafter abheben 
lassen soll. Die Komposition ist für Raffael charak 
teristisch. Es gibt beinahe ein halbes Dutzend anderer 
Madonnenbilder, die die gleiche Komposition auf 
weisen, nur mit der Einschränkung, daß der Hinter 
grund selten derart einfach gehalten ist. Auf dem 
neu entdeckten Bilde ist die Madonna sitzend dar 
gestellt; ihre rechte Hand ruht auf einer Armlehne, 
während die linke das Kind etwas über der Hüfte 
stützt. Der Knabe verlegt sein Gewicht auf seinen 
linken Fuß, der auf das linke Knie der Mutter auf 
gestützt ist. Das rechte Bein ist im Knie gebogen, 
leicht nach rückwärts gezogen und das Gewicht ist 
in den Knöchel verlegt, der an dem rechten Knie der 
Madonna eine Stütze findet. Der linke Arm des Kindes 
ist um die rechte Schulter der Mutter geschlungen, 
während der rechte Arm, im Ellbogen umgebogen, 
schwer auf ihrer linken Hand ruht. Das Gesicht des 
Knaben ist beinahe rückwärts nach rechts zurück 
gelegt,, so daß sein Kinn die Schulter der Mutter 
berührt. Auch das Antlitz der Mutter weist beinahe 
die gleiche Haltung auf. Zu beachten ist, daß wenig 
stens drei andere Madonnenbilder die gleiche Haltung 
der Köpfe aufweisen: die Madonna mit St. Franziskus 
und St. Hieronymus in Berlin, die Madonna Coifne- 
stabile und die Madonna von Orleans. Die Neigung 
des Kopfes nach rechts oder links, entsprechend der 
Komposition, ist charakteristisch für die Madonnen 
des Raffael. Es gibt nur vier, höchstens fünf Bilder, 
bei denen der Kopf erhoben ist und den Betrachter 
voll anblickt. Zwei beachtenswerte Ausnahmen sind 
die Sixtinische Madonna und die Madonna de Can- 
delabri, zwei der köstlichsten Madonnenbilder von 
Raffael. 
Derzeit ein abschließendes Urteil über den Far 
benwert des Bildes zu geben, ist verfrüht. Das Bild 
ist nicht ordentlich gereinigt und der Staub von Jahr 
hunderten verbargt manche Farbenpracht in Licht und 
Schatten. Das Bild wird vermutlich nach Paris ge 
sendet werden müssen, um von Kennerhand eine 
Reinigung zu erfahren, damit die Mitwelt die volle 
Schönheit dieses Meisterwerkes würdigen kann. 
Heute scheint die blaue Farbe etwas verblaßt zu 
sein und auch das Rot kämpft gegen Erstickung durch 
den Staub. Aber das Rot auf den Lippen — es ist das 
Rot Raffaels. Die Reinigung hat bereits die reichen 
kastanienbraunen Locken des Kindes ans Tageslicht 
treten lassen; aber die Haarfülle der Mutter liegt noch 
im Schatten verborgen, obwohl hin und wieder ein 
goldiges Aufblitzen die gleiche Farbe wie die Locken 
des Kindes andeutet: Gegenwärtig ist auch die richtige 
Verteilung von Licht und Schatten gestört. Die Glie 
der scheinen jetzt reliefartig von der dunklen Um 
gebung sich abzuheben, nur an einigen Stellen ist der 
durchsichtige Schimmer des Schattens wunderbar zart 
erhalten. 
Würde dieses Werk nicht Raffael zugeschrieben 
werden, so könnte eine Beschreibung kürzer und ein 
facher gehalten werden. So aber muß nach Art eines 
anatomischen Vorganges Einzelheit um Einzelheit zu 
bezeugten Meisterwerken in Parallele gesetzt werden, 
um den Beweis der Echtheit zu erbringen. So kühl und 
nüchtern ein derartiger Vorgang sein mag, er muß im 
System der Beweisführung liegen. Zunächst lenkt der 
Schleier der Jungfrau die Aufmerksamkeit des Be 
trachters auf sich. Er verbirgt nicht vollständig die 
reiche Haarfülle, sondern fällt leicht über die linke 
Schulter in etlichen Wellen, aneinandergerückt, wie 
es die Madonna de Candelabri aufweist. In genau der 
gleichen Art folgt die Linie des Schleiers in der 
Madonna di Foligno und der Madonna de Gönne- 
stabile den Umrissen des Antlitzes. Der lockere Saum 
des Schleiers ist charakteristisch für viele Madonnen 
des Meisters. Dann kommt die eigentümliche Schei 
dung des Haars. Es kann mit der Gestalt einer um 
gestürzten römischen Fünf verglichen werden. Un 
gleichmäßig in beiden Armen, leicht an der Spitze 
abgerundet, schiebt sich der eine Teil etwas nach 
vorwärts und der andere Teil etwas nach rückwärts. 
Liegt auch keine ausgesprochene Symmetrie in den 
Kurven, so ist der Zweck erreicht, die wunderbare 
Wölbung der Stirne hervorzuheben. Ich bin der An 
sicht, daß diese eigenartige Behandlung des Haares 
an allen Madonnenbildern vorzufinden ist. Wenn dem 
so ist, so kann die Frage aufgeworfen werden, was 
denn eigentlich Nachahmung verhindert. Nun ist 
Nachahmung leicht durchzuführen. Aber das Merk 
würdige an der Sache ist, daß keine von den Ma 
donnen, die früher als echt angesehen wurden und 
später anderen Autoren zugeschrieben werden mußten, 
die gleiche Einzelheit aufweist. 
Von der Nasenwurzel ziehen sich feingeformte 
Augenbrauen in beinahe halbkreifsörmiger Wölbung 
den Schläfen zu und verleihen der Nase einen wunder 
baren weiblichen Reiz; sonst würde die Nase allzu 
kräftig, allzu eigenwillig wirken. Diese Nase ist nicht 
breit und verstärkt an den Nüstern, aber auch nicht 
dünn und scharf. Nichts Hochmütiges und Stolzes liegt 
in ihr und weist auch nicht jene Verfeinerung auf, die 
der Betrachter in einem Patrizierporträt zu finden
	        

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