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Nr. 20 
INTERNATIONALE SAMMLER - ZEITUNG 
Seite 189 
Die Sammlung Six wird versteigert. 
Die Sammlung S i x in Amsterdam, deren 
Versteigerung in den letzten Jahren wiederholt an 
gekündigt wurde, kommt am 16. Oktober bei Fred. 
Müller in Amsterdam unter den Hammer. 
Es ist, wie jeder Holland-Reisende aus eigener 
Erfahrung weiß, eine der bedeutendsten Privat 
sammlungen, die da zur Auflösung gelangt; in Hol 
land selbst zweifellos die bedeutendste. Wohl keine 
andere Privatsammlung kann sich des Besitzes von 
holländischen Bildern von so einwandfreier Echtheit 
rühmen; hier sind nur wenige Bilder, die nicht die 
Vorbesitzer direkt vom Schöpfer erworben haben. 
Viele der Bilder hat Rembrandt für seinen 
Freund und Gönner, den Bürgermeister Six gemalt 
und sind auch diese infolge einer testamentarischen 
Verfügung des letzten Besitzers vom Verkaufe aus 
geschlossen, so kommt doch eine große Anzahl 
von Bildern von außerordentlich hoher Qualität zur 
Versteigerung. Das eindrucksvollste mag Jan 
Steens „Austernfrühstück“ sein, das ein Mädchen 
darstellt, das mit sichtlichem Behagen Austern ver 
zehrt. De H o o c h s „Ein holländisches Interieur' 
zeigt eine Frau mit ihrer Mutter, die Leinenzeug in 
einem Bottich einweicht, während ein Kind auf der 
Diele mit einem Ball spielt. Auf T enBorchs „Die 
Briefschreiberin“ sieht man ein junges Mädchen, das 
in seiner Kammer einen Liebesbrief schreibt. Nach 
der in der Familie Six erhaltenen Ueberlieferung ist 
dieses Mädchen Gersina, Ter Borchs Schwester, die 
sich ebenfalls künstlerisch betätigte. Die „Lausche 
rin“ von Nicolas M a e s führt eine Magd vor, die 
von der Höhe einer Treppe aus einem Liebesge- 
spräch lauscht, das die Tochter ihrer Herrin mit 
ihrem Verehrer führt. Andere Werke, die bei der 
Auktion heiß umstritten werden dürften, sind eine 
„Mondscheinlandschaft'’ von Aert van der Neer, 
das „Austernessen“ von Ochtervelt, „Othello 
und Desdemona“ von B e r c h e m, das „Haus im 
Gehölz“ von H o b b e m a, „Das Schloß in Hem- 
steede“ von Berckheyde, „Die schlafende Groß 
mutter' von Brekelenka m, „Die Musikstunde 
von Franz Mieris dem Aelteren, „Die Fisch 
verkäuferin“ von 0 s t a d e. Paulus P otter ist 
durch sein Bild „Kühe auf der Weide“, Ruisdael 
durch eine „Nordische Gebirgslandschaft“, Adriaen 
van de Velde durch den „Strand von Zandvoort“ 
ausgezeichnet vertreten. Von Gemälden des 16. 
Jahrhunderts — die genannten gehören vorzugs 
weise dem 17. Jahrhundert an — findet man in der 
Sammlung Six zwei kleine Bildnisse auf Kupfer von 
Lucas van Leyden und eine vollsignierte und von 
1553 datierte Grablegung Christi von Willem Key. 
Unter den Radierungen und Zeichnungen steht 
Rembrandt mit dem zweiten Zustand seiner 
Radierung „Bürgermeister Six“ an der Spitze. Vom 
ersten Zustand dieses seltenen Blattes waren einst 
kaum mehr als zwei Drucke im Handel. Von den 
Drucken des zweiten Zustandes, der im Jahre 1754 
nur mit 316 Gulden bezahlt wurde, über hundert 
Jahre später (18601 bei Arozarena mit 5251 Fran 
ken, 1893 (in der Holford-Auktion] mit 9500 Fran 
ken, ging das Exemplar der Holford-Kollektion (in 
der Vente Hubert, Paris 1909) bis auf 71.000 Gold 
franken, Und dieser Preis von 71.000 Goldfranken 
bedeutete bis zum Dezember 1924 den überhaupt 
höchsten Preis für eine Rembrandt-Radierung. Er 
wurde aber im Dezember 1924 von den 3600 Pfund 
überboten, die das Londoner Haus Colnaghi in 
der Auktion Rudge bei Christie für die Radierung 
„Arnold Tholinx“ (1656) anlegte. Eine andere Rem 
brandt-Radierung ist die Illustration zu einem Vers 
drama des Bürgermeisters Six, der in seinen Muße 
stunden auch gerne das Musenroß tummelte. Die 
Handzeichnungen Rembrandts in der Sammlung be 
stehen aus einem Bild der „Saskia“, der ersten Frau 
des Künstlers, einer Skizze zur „Anatomie“ und Ent 
würfen der Darstellung ,Josef erzählt seinen Traum', 
„Isaak segnet Jakob“ und „Christus vor Pilatus“. 
Der V)elfenschatz. 
Aus Hannover wird uns berichtet, daß der Herzog 
Ernst August zu Braunschweig und Lüne 
burg den Entschluß kundgegeben habe, den Welten- 
schätz, der sich gegenwärtig in der Schweiz befindet, 
nach Amerika zu verkaufen. Er sei, erklärt er, zu die 
sem Entschlüsse gezwungen, da die Kosten seiner trotz 
dem Umstürze noch sehr großen Hofhaltungen in Braun 
schweig und in Gmunden und die Pensionen an seine Be 
diensteten so bedeutend seien, daß er sich Geld verschaf 
fen müsse. Im Stadtrat von Hannover — der Herzog 
ist bekanntlich ein Enkel des letzten Königs von Han 
nover, Georg V. — wurde über die Angelegenheit refe 
riert und lebhaft Klage darüber geführt, daß die einzig 
artigen Kleinodien des Schatzes nach Amerika wandern 
sollen, gleichzeitig aber wurde eingestanden, daß es keine 
Handhabe gebe, den Eigentümer vom Verkaufe des 
Schatzes abzuhalten. Die Trauer des Stadtrates von Han 
nover ist freilich akademisch, denn der Weifenschatz ist 
schon nach dem Kriegsjahre 1866 — nach dem Zusam 
menbruch des hannoveranischen Königreiches — aus 
Hannover weggeführt worden, da ihn Preußen als Privat 
eigentum des ehemaligen hannoveranischen Königshauses 
anerkannte. Der Schatz kam nach Wien, wo der König 
von Hannover mit seinem Sohne, dem Herzog Ernst von 
Cumberland, Zuflucht gefunden hatte, und wurde im 
Oesterreichischen Museum dem Publikum zugänglich ge 
macht. Im Jahre 1906 ließ der Herzog von Cumberland 
den Schatz in sein Palais nach Hietzing schaffen und 
I schließlich — noch vor dem Kriege — in sein Schloß 
nach Gmunden. Als Herzog Ernst gestorben war, veran- 
laßte dann sein Sohn, der depossedierte Herzog von 
Braunschweig, daß die Kleinodien in die Schweiz über 
führt wurden. Es gab diesbezüglich damals lange Ver 
handlungen mit der österreichischen Regierung, da die 
Schätze auf Grund des Gesetzes vom 25. Jänner 1923 
unter staatliche Aufsicht gestellt und die Veräußerung 
und Belastung an die vorherige Zustimmung des Bundes 
denkmalamtes gebunden worden waren. Die herzogliche 
Vertretung machte die Exterritorialität geltend und es 
gelang ihr auch tatsächlich, die freie Verfügung über den 
Schatz durchzusetzen. 
Der Weifenschatz, eine Sammlung von ungemein 
kostbaren Reliquien und kirchlichen Prunkstücken, geht 
in seinen Anfängen bis auf den Ahnherrn des Welfeti- 
geschlechtes, Heinrich den Löwen, zurück. Auf der 
Rückkehr von einer Pilgerfahrt ins Heilige Land im Jahre 
1172 hielt Heinrich sich als Gast des Sultans einige Zeit 
in Konstantinopel auf; beim Abschied schenkte ihm der 
Sultan eine Anzahl wertvoller Reliquien und auch er 
selbst erwarb verschiedene Prachtstücke byzantinischer 
Kunst. Diese Objekte sind der Grundstock der Samm 
lung, die sich dann im Laufe der Jahrhunderte immer 
mehr vergrößerte. Das erste Verzeichnis des Schatzes 
wurde 1482 aufgenommen. Gegenwärtig umfaßt er etwa 
82 Gegenstände, und zwar mehrere Reliquienschreine, 
Tragaltäre, ziborienartige Gefäße, Bucheinbände, Kruzi-
	        

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