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Metadaten: Alte und Moderne Kunst XVIII (1973 / Heft 128)

I Aktuelles Kunstgeschehen, Wien 
 
Albertina 
Arnulf Rainer 
Nach mehrmaligem Umdispanieren verdiente 
Albertina-Ehren für Arnulf Rainer, dem in der 
Summe seiner künstlerischen Leistungen wohl 
stärksten und extremsten österreichischen Maler und 
Graphiker nach 1945. Die Auswahl des Radier- 
werkes umfaßte Arbeiten von 1956 bis herauf zu 
Blättern aus 1973, in denen Rainer in der Manier 
seiner expressiven „Face-Farces" Körper-Fotos von 
sich gleichermaßen raffiniert wie vehement 
überzeichnet. Schade, daß man die Gelegenheit 
nicht wahrnahm, den Bogen weiter zu spannen und 
über die dominierenden Uberdeckungen hinaus auch 
Rainers Lithographien und Siebdrucke in 
entsprechender didaktischer Spannweite zu zeigen. 
Ein weiteres Manko: der fehlende Katalog, den 
auch das verdienstvolle Werksverzeichnis der ge- 
samten Druckgraphik, herausgegeben von Otto 
Breicha in der Edition Tusch, nicht entschuldigen 
konnte. 
Museum des 20. Jahrhunderts 
Tomi Ungerer 
Mit dem 1931 geborenen Straßburger holte Dr. Al- 
fred Schmeller einen der führenden Stars unter den 
gegenwärtig aktuellsten und vielseitigsten Illustra- 
toren, Cartoonisten, Plakatentwerfern und Zeichnern 
von Kinderbüchern nach Wien. Mehr als 200 Arbei- 
ten ergaben in ihrer Vielzahl kritischer Anlässe 
einen sehr kompletten Spiegel gesellschaftlichen 
Verhaltens und seiner zwischen Sex und Freßsucht 
pendelnden Tatbestände. 
Ungerer, der heute auf einer Farm in Kanada lebt 
seziert die Snobiety beiderlei Geschlechts, er 
attackiert Kommerz und Politik, die Auswüchse des 
Sports und gibt sich auch sonst nicht zimperlich, 
wenn es gilt, eine aus den Fugen geratene Umwelt 
in übersteigernder Ungeschminktheit festzuhalten. 
Ungerer macht das mit den Mitteln des gebrauchs- 
graphischen Vollprofi, zu denen nun einmal eine 
gewisse Lautstärke und Direktheit, notwendiges 
Simplif eren und sicheres Zupacken im richtigen 
Moment gehören. Es wäre daher falsch, den harten 
Satiriker und humorvollen Plakatdesigner innerhalb 
künstlerischer Gewichtsklassen mit anderen, vielfach 
wesentlicheren Voraussetzungen vergleichend zu 
reihen. Tomi Ungerer ist ein Großer der Kleinkunst 
ein Könner mit brillanten Ideen, ein Mann, der 
schnell schaltet, Kritikfähigkeit besitzt und Selbst- 
ironie beherrscht, der die Schmutzfinken aufscheucht 
und in Beulen sticht, die andere bloß streicheln 
(Abb. 1). 
Galerie Schottenring 
Fritz Steinkellner 
Die heute nicht nur im Bereich der Bildkünste, 
sondern auch in Literatur, Theater und Aktionismus 
immer öfter und ausgeprägter feststellbare dia- 
lektische Vielschichtigkeit findet in den Arbeiten des 
1942 geborenen Kärntners wesensgemäße Ent- 
sprechung. Als Vertreter einer neuen Gegenständ- 
lichkeit, die das Andeutungsweise, Lapidare und 
Fragmentarische bevorzugt und nicht mit Patent- 
lösungen aufwarten will, zeigt Steinkellner vor allem 
in seinen - auch technisch hervorragenden - Sieb- 
drucken und ähnlich komplexen Gouachen Konse- 
quenz und Geradlinigkeit. Steinkellners Arbeiten 
[einschließlich der beiden mitausgestellten großen 
Obiekte) suchen nicht das Abbildhafte, sondern 
provozieren durch die Autonomie des Neugeschaf- 
fenen Assoziationsketten. Trotz einer gewissen 
geistigen Verwandtschaft zu Gironcoli, Walter 
Pichler und dem Franzosen Titus Carmel bestidit 
Steinkellner durch klar abgrenzbare Eigenständig- 
keit und ein durch Verfremdungen gekennzeichnetes 
„Vokabular", das Poesie mit Distanziertheit 
verbindet (15. April-M. Mai 1973) - (Abb. 2). 
Dom-Galerie 
Wilhelm Traeger 
Start einer neuen, von Dr. Rudolf H. Hintermayer 
geleiteten Galerie mit einer auf frühe Linolschnitte, 
Zeichnungen und Pastelle konzentrierten Werks- 
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auswahl des 1907 in Wien geborenen Künstlers. 
Traegers ausdrucksstarke Linolschnitte der 1932 ent- 
standenen „Wien-Falge" ergeben eine geschlossen 
wirkende Suite von 18 Darstellungen aus dem Wien 
der Zwischenkriegszeit. Der in Ried im lnnkreis 
wirkende Maler und Druckgraphiker erweist sich 
darin als genauer Beobachter gesellschaftlicher 
Zustände. In Straßenszenen des Alltags läßt er 
Revue passieren, was für eine Zeit materieller 
Armut, großer Arbeitslosigkeit und politischer Frage- 
zeichen kennzeichnend war. Seine Zeit-Bilder schil- 
dern Tatbestände, ungeschminkt und realistisch, 
handwerklich beherrscht und mit sicherem Ein- 
fühlungsvermögen für die Kontrastwirkungen des 
reinen, harten Schwarzweiß. Eine verdienstvolle 
Ausstellung, die nicht zuletzt im historischen Konnex 
zur Druckgraphik der deutschen Expressionisten zu 
betrachten war. 
(12. April-12. Mai 1973) - (Abb. 3). 
Nebehay-Art-Gallery 
Brigitta Malche 
Nach erfolgreichen Personalen in der Schweiz die 
erste Einzelausstellung der Linzer Malerin in 
Usterreich. Ausgehend von Erkenntnissen des 
Kubismus und der klassischen Geometrischen 
Abstraktion, gelangt die Künstlerin zu sehr 
beherrschten, malerische Noblesse mit formaler 
Ausgewogenheit verbindenden Abstraktionen. Die 
Darstellungen im engeren Sinn sind Kreisen einge- 
schrieben. Sie greifen verschiedentlich Architektur- 
details der Antike und Gotik auf und führen diese 
in durchaus persönlicher, eigenständiger bildneri- 
scher Synthese fort. Am überzeugendsten: iene 
Arbeiten, in denen Malche formal und von der 
Farbe her um möglichste Reduktion und Klarheit 
bemüht ist (MailJuni 1973) - (Abb. 4). 
Galerie Ariadne 
Reimo S.Wukounig 
Innerhalb der zahlreichen realistischen Tendenzen 
der iüngeren österreichischen Kunst nimmt der 
Kärntner einen der vordersten Plätze ein. Seine 
neuen Farbstiftzeichnungen sind Gleichnisse mensch- 
licher Isolation. Anders als bei dem „abstrakteren" 
Steinkellner verbinden auch sie kühle Poesie mit 
Distanziertheit, die zum Nachdenken zwingt. Ein 
Werk, das zunehmend an Profil gewinnt und nicht 
zuletzt Einsatz und adäquat genütztes handwerk- 
liches Können beweist (Mai 1973) - (Abb. 5). 
Galerie in der Passage 
Dietmar Kiffmann 
Die thematischen Ausgangs- und Bezugspunkte der 
Zeichnungen und Radierungen des 1940 geborenen 
Grazers sind Landschaft und Ted1nik. Kiffmann, der 
erstmals in Wien ausstellte, faßt sie als einander 
bedingende Gegensätze auf, die den Arbeiten 
nicht nur in graphischer, sondern auch in inhaltlidi- 
assoziativer Hinsicht Spannung verleihen. Kiffmann 
kommt in seinen umweltbezogenen Darstellungen 
mit wenigen Requisiten aus: mit Röhrensystemen 
und riesigen Zylindern, mit Sperren und Mauern, 
die er in Täler und Hügellandschaften verpflanzt. 
Neben der Landschaft gilt dem Schicksolhaften des 
Menschen - aufgezeigt an Variationen der mensch- 
lichen Figur - sein Hauptaugenmerk. Er inter- 
pretiert das existentielle menschliche Sein in 
verschlüsselter Symbolik (3. Mai-B. Juni 1973) - 
(Abb. 6). 
Galerie in der Blutgasse 
Wolfgang Denk, Peter Carer 
Zwei iunge Realisten in knapper Aufeinanderfolge. 
Denk, 1947 in Seitenstetten in NO. geboren, ent- 
wickelte sich als Autodidakt; in den letzten Jahren 
mit erfreulicher Folgerichtigkeit, die zu einem 
plakativen Personalstil führte, der Elemente der 
amerikanischen Pop-Art innerhalb zeitgemäßer 
Möglichkeiten eines neuen Landschaftsbildes ein- 
setzt. Carers iüngst entstandene Zeichnungen stellen 
als Abbilder der Realität den Alltagsmenschen von 
heute weniger in Frage, als sie ihn typisieren. Sie 
geben die Wirklichkeit in Ausschnitten und Szenen 
in einer dem Fotoschnappschuß vergleichbaren 
Sicht wieder (12. März-31. März 1973 bzw. 2-22. 
April 1973) - (Abb. 7). 
Z-Hauptanstalt 
Porträt - heute 
Eine im Prinzip verdienstvolle, in der Durchführung 
allerdings zu breit geratene und vielfach auch zu- 
wenig qualitäfsvolle, von Belanglosigkeiten durch- 
stückte Festwochendokumentation zu dem inter- 
essanten Thema. Unabhängig von grundsätzlichen 
Möglichkeiten zeitgemäßen Porträtierens, über die 
die Ausstellung allerdings kaum eine Aussage 
machte, weil sie nicht zuletzt extreme Standpunkte 
wie etwa Rainers Face-Farces vermissen ließ, gab es 
immerhin manches von Qualität und Interesse, 
darunter die Arbeiten von Schänwald, Pakasta, 
Fleck, Eisler, Stark, Karger, Martinz, Zadrozil, 
Rusche, Atanasov, Helnwein, Gansert, Klanisek- 
Bratke, Pangratz, Bramer und Hausner. Positiv: 
der mit zahlreichen Abbildungen versehene 
Katalog (14. Mai-ö. Juni 1973) - (Abb. B). 
Galerie auf der Stubenbastei 
Erhard Sföbe 
Eine insgesamt erfolgreiche Ausstellung des 1943 
geborenen Wieners. Am stärksten Stöbes durchweg 
beherrscht gemalte Aquarelle ironischer Bezug- 
nahmen. Ein expressiver Realist, der sich trotz 
weiterentwickelter Stilistik und Handschrift den 
nötigen malerischen Freiheitsraum bewahrt. 
(6. bis 31. März 1973) - (Abb. 9). 
Galerie Euro-Art 
Ivan Generalic 
Anläßlich der Herausgabe einer aufwendigen Farb- 
reproduktion in Siebdruckmanier auf Seide 
(Auflage 5400 Exemplare) präsentierte die Edition 
eine kleinere Auswahl von Hinterglasbildern und 
Zeichnungen des weltberühmten iugoslawischen 
Naiven. Generalic kam aus diesem Anlaß erstmals 
nach Wien (14.-18. Mai 1973) - (Abb. 10). 
Galerie in der Dommayergasse 
Jascha und Leitner 
Jaschas emotionsgeladene Niederschriften von 
Landschaftsfragmenten, Porträts, Menschen und 
anderen ihn bestimmenden Umwelteindrücken als 
verdienstvolle Entdeckung einer Serie technisch 
raffinierter Graphitstiftzeichnungen. Zweiter Aus- 
steller neben dem Oberösterreicher war d'er 
Steirer Heinz Günter Leitner, dessen subtile Blätter 
mit dem Generaltitel „Zeichnungen für 1 bis 2 
Augen" Analogien zur Konzept- und Proiektart, 
gelegentlich aber auch Effekte der 3-D-Graphik und 
den Einbezug von Fotos aufweisen (März 1973) - 
(Abb. 11). 
Akademie der bildenden Künste 
Edelbert Köb 
Die erste Fersonalausstellung des 1942 geborenen 
Bregenzers, der seit 1966 als Hochschulassistent am 
Institut für zeichnerische und malerische Darstellung 
der TH Wien tätig ist. Köbs den Zeitraum von 
1970 bis 1972 umfassende Plastiken aus Gips und 
Stuck sind herausfordernde Formulierungen des 
Kreatürlichen, die in einer gewissen geistigen 
Verwandtschaft zu den Radierungen Gotthard 
Muhrs stehen, die vor kurzem in der Künstlerhaus- 
Galerie zu sehen waren. Ebenso bemerkenswert 
wie die Ausstellungen: die von Köb und Muhr 
herausgegebenen bibliophilen Werksverzeichnisse 
(Mai 1973) - (Abb. 12). 
Peter Baum
	        

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