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Internationale 
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Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde 
Herausgeber: Norbert Ehrlich 
21. Jahrgang Wien, 1. September 1929 Nr. 17 
Jllt-Cinz. 
Kulturhistorische Ausstellung aus Linzer Privat 
kunstbesitz. 
Von Dr, Gustav Gugenbauer (Linz], 
Es war ein überaus glücklicher Gedanke, wäh 
rend der großen, anziehungskräftigen ,,Linzer Aus 
stellung“ eine retrospektive Kunstschau zu veran 
stalten, welche die alten Kulturwerke der schönen 
Donaustadt wieder einmal der Allgemeinheit ins Be 
wußtsein und den vielen Fremden erst zur Kenntnis 
bringen soll. Der hohe Wert der Ausstellungsob 
jekte zwang dazu, die Ausstellung im vollkommen 
feuer- und einbruchsicheren großen Sitzungssaal des 
Linzer Rathauses unterzubringen, der für diesen 
Zweck durch Bespannung der Wände und Kojenein 
bauten umgestaltet wurde. Da ferner alle Gegen 
stände in Vitrinen und unter Glas dem Besucher bei 
vorzüglicher Beleuchtung gezeigt werden, kann jenes 
Gefühl, das die meisten „Heimatausstellungen“ um 
spielt, auf einem „Tandelmarkt" zu sein, hier unmög 
lich aufkommen; die Aufstellung ist eine rein mu 
seale, wobei allerdings manches schöne Stück aus 
Raummangel entweder nicht recht zur Geltung 
kommt oder überhaupt nicht ausgestellt werden 
konnte. Im großen und ganzen ist das Bild der Aus 
stellung darum so eindrucksvoll und sympathisch, 
weil überall an die entscheidenden Stellen Werke 
von starkem Ausdruck gesetzt wurden. Dies gilt von 
der Raumdisposition im großen, wie von der Ausge 
staltung der Kojen und Vitrinen im kleinen. 
Eine sehr hoch gestellte, stark plastische, ko 
lossale Holzfigur einer sitzenden Madonna aus der 
Frühzeit des 15. Jahrhunderts beherrscht den ganzen 
Raum; links an der Fensterwand fanden vier große 
Vitrinen einen günstigen Platz; rechts wurden drei 
Kojen eingebaut, eine große für die Zunftaltertümer, 
zwei kleine für eine gotische Abteilung und für das 
Originalmodell des ersten Donaudampfers „Maria 
Anna“ und ihm gleichzeitige, künstlerisch hochwer 
tige Gemälde, welche meisterhaft das schwer faß 
bare landschaftliche Moment des Stadtbildes in den 
Vordergrund stellen. Durch ihre Größe und Farbig 
keit beherrschen die Bilder des in Linz um 1840 
tätigen Romantikers Franz Stecher den Gesamt 
eindruck des Raumes. Dem Eingang gegenüber steht 
auf einem eigenen Sockel ein 1882 gefundener Rö 
merkopf, der an die große Vergangenheit der ural 
ten Stadt erinnert. Den Sockel bedeckt ein über 
100 Jahre altes Tischtuch, das aus der einst weitbe 
rühmten Linzer Teppichfabrik stammt. Wir bewun 
dern an ihm mehr das Material und die Patina des 
Alters, als die Kunst und den Geschmack des Ent 
wurfes, Links an der Schmalwand, neben dem Ein 
gang, gibt eine kleine Gruppe das Programm der 
ganzen Veranstaltung, Zwischen zwei gleichartigen 
„musizierenden Engeln“ Franz Stechers schwebt eine 
„Blaue Madonna“, eine stehende Madonna mit dem 
Kinde um 1450, wohl ein aus Niederbayern einge 
führtes Werk von besonderer Zartheit. Darunter 
eine große Flachvitrine mit Altlinzer Stammbüchern, 
deren reicher Inhalt bei dem beschränkten Raum 
nicht recht zur Geltung kommen kann. Immerhin 
gibt diese Zusammenstellung: Gotik, Romantik, Bür 
gertum das Leitmotiv der ganzen Ausstellung; die 
künstlerische Vergangenheit der Stadt wird mit den 
Augen der bürgerlichen Romantik geschaut. Natür 
lich steht da die Kunst der Gotik im Vordergrund 
des Interesses, Bei der Kargheit des Erhaltenen 
mußte Ersatz aus dem sonst Erreichbaren beschafft 
werden; so kommen Meisterwerke zur Ausstellung, 
die aufs engste mit dem Lande verknüpft sind und 
ein Bild des sicher einst auch in Linz Vorhandenge 
wesenen bieten, 
Vitrine I enthält einen Sandsteinkopf „Christus 
mit der Dornenkrone“, Fragment einer lebensgroßen 
Pietägruppe, die um 1400 entstanden sein muß und 
wohl sicher von dem großen Meister stammt, der die 
drei Figuren am Hauptportal der Stadtpfarrkirche 
in Steyr schuf. Die Größe des wenigen Erhaltenen 
läßt den Verlust des Ganzen aufs schmerzlichste 
empfinden, Da außerdem die Steyrer Figuren durch 
eine unglückliche Restaurierung sehr gelitten haben, 
stellt das Linzer Fragment das einzige völlig unbe 
rührte Hauptwerk des größten österreichischen Pla 
stikers um 1400 dar; der Kopf wird zum ersten Mal 
ausgestellt und müßte von Rechts wegen alle Kunst 
historiker nach Linz ziehen, zumal auch sonst die 
Ausstellung einen Ueberblick über die oberöster 
reichische Kunst der Gotik bietet, wie er sonst selten 
und schwer dem eilig Reisenden möglich ist, Von 
besonderen Stücken seien aus Vitrine I noch hervor 
gehoben: Das Gebetbuch einer süddeutschen Nonne 
um 1520, mit 19 eingeklebten Miniaturen, Stichen 
und Schnitten, von denen ein Metallschnitt „EcceNo full text available for this image
	        
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