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INTERNATIONALE SAMMLER - ZEITUNG 
Nr. 16 
kulturellen Wert einer solchen Sammlung, sondern 
vor allem den Ramschpreis unterstrichen, zu dem sie 
erworben werden konnte, entschlossen sich die Vor 
sitzer der Bibliotheksausschüsse im Hause wie im 
.Senat, die Vorlage an die beiden Häuser zu bringen, 
wo sie dann im Handumdrehen angenommen wurde. 
Die große Rede, die der Abgeordnete Roß A. C o 1 - 
lins am 7.-Februar im Hause hielt, die Gutachten 
der Sachverständigen bei den Verhören und die 
drängenden Kundgebungen von Bücherfreunden und 
von Leuten, die um den guten Ruf ihres Landes be 
sorgt waren, bilden ein ehrenvolles Gegenstück zu 
den fast als komisch anmutenden Bedenken der Ge 
setzgeber, die nicht nur vor der Forderung für „alte 
Bücher“ und für „Raritäten“ zurückschreckten, son 
dern sich auch davor fürchteten, daß Onkel Sam ins 
Kuriositätengeschäft gehen solle. Der Kongreß habe 
mit solchen Dingen nichts zu tun; sie sollten reichen 
Privatleuten Vorbehalten bleiben, die ja ihre Samm 
lungen dem Kongreß als Stiftungen überlassen 
könnten. Da aber die Mäzene sich nicht finden 
wollten und da ferner Dr. Vollbehr sein hochherziges 
Angebot nur bis zum Ende der gegenwärtigen Ta 
gung gelten ließ, so mußte der Kongreß wohl oder 
übel die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und das 
gute Geschäft machen, damit er nicht wiederum den 
Vorwürfen ausgesetzt sei, die er sich wiederholt zu 
gezogen hat. 
Seine Unfähigkeit, ein Ding zu schätzen, das 
keine Dollar oder keine Wahlstimmen einbringt, hat 
ihn des öftern zu einer Knauserigkeit verleidet, die 
sich hinterher als recht kostspielig erwies. Die 
Bibliothek Jeffersons, des dritten Präsidenten 
der Republik, wäre beinahe verlorengegangen, 
wenn es den Eiferern nach gegangen wäre, die unter 
den 7000 Bänden verschiedene fanden, die sie „für 
unmoralisch, unanständig, irreligiös und überhaupt 
revolutionär“ ansahen. Die Tatsache allein, daß die 
Bücherei in Frankreich zusammengestellt worden 
war und daß sie die Grundsätze eines Mannes wider 
spiegelte (Jefferson), „der unserrn Land größeren 
Schaden zugefügt hat als irgend ein anderer, mit 
Ausnahme Madisons“, hätte beinahe genügt, die 
24.000 Dollar abzulehnen, die für diese beste Samm 
lung ihrer Zeit verlangt worden waren. Die Bü 
cherei George Washingtons dagegen wurde 
nach London verkauft, da der Kongreß kein Geld 
dafür übrig hatte, und um den Verlust abzuwenden, 
taten sich siebzig Bostoner zusammen und erwarben 
die Bibliothek für das Athenäum in Boston. 
Sogar die Abschiedsadresse Washingtons ließ sich 
der Kongreß entgehen; er wollte nur 1000 Dollar 
geben, während die Lenox-Bibliothek in New York 
sie für 2300 Dollar erwarb. Die große H a r 11 e y- 
s c h e Sammlung von Amerikana ging an die 
Leiter-Bibliothek in Washington, und den größten 
Schwabenstreich machte der Kongreß, als er die 
Bücherei George B a n c r o f t s, 14.600 Bücher, 
468 Manuskriptbände und 4648 Broschüren, an die 
Lenox-Bibliothek verlor, weil ihm 75.000 Dollar zu 
hoch erschienen. 
Wie JCeinrich von 
Die Sammlung Heinrich von Thyssens, die 
zur Zeit in der Pinakothek in München ausge 
stellt ist, wurde von uns bereits in der vorigen 
Nummer gewürdigt. Es wird unsere Leser gewiß 
interessieren, zu hören, wie diese bedeutende Pri 
vatsammlung entstanden ist. 
Im Gespräch mit einem Berichterstatter des S. S. 
äußerte sich Freiherr von Thyssen darüber wie 
folgt: 
„Schon vor 25 Jahren habe ich angefangen, ein 
zelne Bilder zum Schmuck des Schlosses Rohoncz 
zu kaufen, wobei ich mir zum Grundsatz gemacht 
habe, nur das zu erwerben, was mir persönlich ge 
fällt. Ich habe meine Käufe stets geheim gehalten, 
so daß nicht einmal meine nächsten Angehörigen bis 
vor kurzem davon wußten. Die Allgemeinheit er 
fuhr erst jetzt, anläßlich der Münchener Ausstellung, 
daß ich Sammler bin, und die eingeweihten Kreise 
— Museumsleiter, Sammler und große Kunsthändler 
— wissen es erst seit ungefähr fünf Jahren, obwohl 
ich damals schon zwei Jahrzehnte hindurch im 
stillen gesammelt habe. Ueber den Umfang und die 
einzelnen Stücke der Sammlung hatte außer mir 
niemand eine genaue Kenntnis.“ 
Als Grund für diese Geheimhaltung seiner An 
käufe bezeichnet Baron Thyssen, daß manches be 
deutende Stück wahrscheinlich nie in seine Kollek 
tion gekommen wäre, wenn er den Ruf eines Samm 
lers gehabt hätte, und daß von ihm für einzelne 
Objekte, die er zu erwerben beabsichtigte, uner 
schwingliche Preise gefordert worden wären. 
Für die persönliche Anteilnahme des Sammlers ist 
die Methode bezeichnend, mit der er bei seinen Er 
werbungen vorging. „Ich verließ mich stets auf meinen 
eigenen Geschmack und habe die Käufe ohne 
wissenschaftlichen Berater persönlich 
tfhyssen sammelte. 
gemacht, was natürlich ein Mehr an Zeit und Arbeit 
kostete. Wie oft geschah es zum Beispiel, daß ich 
irgendwo ein Meisterwerk sah, das mir gefiel, dessen 
Qualität ich aber nur so beurteilen konnte, daß ich 
mich auf die Bahn setzte und mit den frischen Im 
pressionen des Bildes in die Münchener Pinakothek 
eilte, um 1 dort ein anerkanntes Werk von höchster 
Qualität des betreffenden Malers zu Vergleichs 
zwecken zu prüfen. Erst, wenn ich die Ueberzeu- 
gung gewann, daß die mir angebotene Arbeit die 
gleiche oder annähernd gleiche Qualität wie jenes 
im Museum aufbewahrte Bild besitze, entschloß ich 
mich zum Kauf.“ 
Als in den Jahren nach dem Krieg die Sammel 
tätigkeit Thyssens eine außerordentlich verbreiterte 
Basis gewann, konnte naturgemäß die Initiative und 
die persönliche Blickweite des einzelnen nicht mehr 
den gesamten kontinentalen Kunstmarkt mit seinen 
unzähligen Verästelungen übersehen. „Allmählich 
hatte ich eine Organisation ausgebaut, die für mich 
einen regelmäßigen Informationsdienst über bedeu 
tende Bilder auf dem europäischen Markte leistete. 
V i e r u n d z w a n z i g verschiedene Stellen übten 
diese Kontrolle aus und berichteten mir getreu von 
allen Phasen des Kunstmarktes, so daß ich neben 
meiner beruflichen Tätigkeit, die mir das beliebige 
Herumreisen nicht gestattete, stets einen Ueberblick 
über alle wichtigen Bilder, die augenblicklich käuf 
lich waren, hatte. Wurde mir zum Beispiel von 
irgendwoher ein Tizian angeboten, so hatte ich 
gleichzeitig das Vergleichsmaterial mit jenen drei 
oder vier anderen, die zu gleicher Zeit in Europa 
zu haben waren, so daß es mir nicht schwer fiel, 
das von mir für richtig erachtete Bild einer ge 
nauen Prüfung zu unterziehen, und es, wenn es ging, 
zu erwerben. Seit ungefähr einem Jahrzehnt sandte
	        

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