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INTERNATIONALE SAMMLER - ZEITUNG 
Nr. 16 
Einer seltsamen Philosophie entsprangen die Ar 
beiten des 1680 in Nürnberg verstorbenen Christoph 
H a r r a c h, seine immer und immer wiederkehren 
den kleinen und kleinsten Totenköpfe, deren 
Rückseiten kraftstrotzende Jünglings- und blühende 
Mädchengesichter bilden. Oder seine jugendlichen 
Porträtköpfe, in deren Innern ein Totenschädel ein- 
gescblossen ist. Harrach ist sicherlich der tiefste und 
ergriffenste jener zahlreichen Meister, die mit Vor 
liebe Totenköpfe bilden. Seine Schädel sind Symbol, 
haben wenig Anatomie und viel Physiognomie, haben 
Profile und Gesichtszüge, obgleich sie nur Knochen 
gerüst sind. Ihm zur Seite stöben im 16. Jahrhundert 
Alexander Coli in in Mecheln (Buchs), Charles 
Chassel in Paris (Walnuß), im 17. Jahrhundert 
folgen ihm der anatomisch geschultere Anger 
man n mit seinen m-iniatluresken Schädeln unld 
ganzen Skeletten und Leo Pronner in Nürnberg. 
Im 18. Jahrhundert Wirkt in diesem Thema J. O. 
Hagenauer (Straöburg—Salzburg—Wien) und der 
Verfertiger mitunter peinlich genauer Elfenbein 
miniaturgerippe, Franz M essersc'hmi d t in Wien 
(1777—1883). Damit endet die mystisch-philosophi 
sche Sc'hlule und die naturwissenschaftlich model 
lierenden Meister gewinnen die Ueberhand. Die zu 
nehmende exakte naturwissenschaftliche Erkenntnis 
tötet das spekulative philosophische Denken auch 
im Künstler. 
Der Altmeister anatomischer Modelle größten 
und audh miniaturesken Formates in Wachs ist 
der seit 1680 nachweisbare Genueser Arzt de 
Noues, der noch präzises Wissen mit künstleri 
scher Auffassung und Technik vereint. Ihm kommt 
das entsetzliche Wachsbild dier „Pest“ und das kom 
plette ,,Beinhaus“ in farbigem Wachs des Gaetan 
Zumbo nahe, der, geboren 1658 in Syracus, in 
Genua und Florenz arbeitete, wo er 1701 verstarb 
an der Pest, ein Edgar Allan Poe der Wachsbildnerei. 
Im 18. Jahrhundert folgt ihm der wissenschaftlich 
exakte und nüchterne Nie. Pinson in Paris in 
gleichem Material, während wir bei dem in Bologna 
arbeitenden (1670—1754) Giovanni Manzolini 
und seiner Gattin die anatomische Wachsbildnerei 
schon in das handwerkliche Modellschaffen über 
gehen sehen. Der letzte Rest mystischen Schaiuens 
ist bei ihm verloren gegangen. Der Körper, der Tod, 
sie .sind ihnen nur mehr naturwissenschaftliche Phä 
nomene. Die Tochter dieses Ehepaares, Anna Man 
zolini, konnte es an exaktem, nüchternen Wissen 
in Anatomie mit jeder unserer modernen Studen 
tinnen der Medizin wohl aufnehmen. Sie war in der 
Anatomie der Bologneser Universität wie zu Hause 
und neben ihrer Kunst eine bedeutende Anatomin. 
Im 18. Jahrhundert waren die anatomischen Wachs- 
modelle von Eontana berühmt, auch heute noch ar 
beitet der anatomische Modelleur hauptsächlich mit 
Wachs. 
Kehren wir wieder ins Künstlerische und künst 
lerisch Spielerische zurück, so treffen wir auf den 
nicht unbedeutenden Nürnberger Bildhauer und 
Schnitzer Hieronimus Gärtner, der die Patrizier 
der Stadt mit seinen lebenswahren Käfern und 
Fliegen entzückte, .deren Flügel sich beim Anhauchen 
bewegten. Im 17. Jahrhundert arbeitete in Necosia 
Philipp P1 a z i n e, gen, Siziliano, feine, mikrosko 
pisch kleine Figürchen in dem schwierigeren Material 
der Koralle. Aehnlich ihm, aber bei reicher Ver 
wendung von Edelmetallen und Edelsteinen, feinen 
Hölzern und Glasflüssen schafft Leo Pronner in 
Nürnberg winzige Altärchen, Kruzifixe und Tierchen, 
die Perlmutterinsekten des Dirck van Reyswyck 
und die lebenswahren, täuschend natürlich bemalten 
Kleinsttiere und Insekten des Juan Heinestrosa 
in Sevilla (um 1765) genossen Weltruhm. In deren 
Reihe wäre noch der Ulmer Wachsmikroplastiker 
Gottfried Weykemeier zu nennen, der um 1715 
in Berlin starb. Im Grünen Gewölbe in Dresden 
liegen Miniaturmosaiks und Kleinstinisekten aus 
Halbedelsteinen vom einheimischen Kunstschnitzer 
Hof fmann, während der Louvre Fischschuppen 
mosaiks des Francois Doderot verwahrt, der auf 
seine ,,Technika' 1825 sogar ein Patent nahm, sich 
aber auch in seiner seltsamen, artistischen Technik 
als ein Künstler nicht ohne jeden Rang beweist. 
Ein Silberschmied der Metal'likunststadt Augs 
burg, Joseph Müller, verfertigte im 17. Jahrhun 
dert vielfigurische, allerkleinste und allerfeinste 
Jagden, Schäfereien, Schäferszenerien und Reise 
züge, Spiel und Kunst in einem. Er wäre in der 
Reihe der Meister der Zinnsoldaten aufzuzählen. 
Auf mathematischem und trigonometrischem Ge 
biet nennen Wir Nürnbergs berühmtesten, 1660 ver 
storbenen Drechsler Lorenz Zick, den Lehrer 
Ferdinands III. mit seinen Miniaturkästchen gefüllt 
mit vielgestaltigen Mehrecken, ein Gedulidispiel 
ähnlich den Vexierbechern des Lyoner Goldschmieds 
Delabarre. Sie eröffnen die Reihe der kunst 
fertigen, artistischen Drechsler: Louis Cihronult, 
Paris, um 1746, Michael Dahier, Berlin, um 1650, 
Treumund K i r c h, Wien, um 1650, Justus K'less- 
e c k e r d. J., Bamberg—^Frankfurt a. M,, um 1650, 
des Michael Mail in Straßburg und zahlreicher an 
derer, deren geduldige Taten wir in den Museen be 
wundern, weniger ihres oft bescheidenen Kunstge 
halts als ihrer vollendeten Technik halber. 
Zum Schlüsse sei in dieser Reihe der kuriosen 
Outsiders der „großen“ Kunst noch des Goslarer 
Zuckerbäckers Koch gedächt, dessen Mosaiks aus 
Sandkörnern das dortige Museum, verwahrt, ein 
Kind des 16. Jahrhunderts. Dann dels nach 1610 in 
Florenz geborenen Jacopo Gad.di, der künstlerisch 
bedeutsame Reliefs in naturfarbenen, in gefärbten 
Eierschalen bildete und 1 des kunstreichen Würzbur 
gers Blank, der eine Methode erfunden hatte mit 
feinsten Federhärchen zu sticken („Blanks Mussiv- 
Gemälde“) und glanz achtbare künstlerische Erfolge 
mit dieser Technik erzielte. Er folgte dabei antikem 
Vorbilde, doch waren bei den antiken Stidkereien 
dieser Art Federn nur neben Fäden mitverwendet 
Um 1785 stickte und 1 klebte er dann sogar mit 
Moosen — eine extreme, künstlerisch unfrucht 
bare Idee. 
Ganz zum Schlüsse sei noch eines ganz großen, 
feinen und seltenen Meisters der „kleinen“ Kunst 
gedacht, des feinsten Miniaturenmalers, des L, van 
Blarenberghe (tätig Lille und Paris, 1716/1794), 
der in Gouache auf dem kleinen Raum von 15:20 mm, 
sein ständiges Format, 10 bis 120 lebenswahre, deut 
lich erkennbare Porträts oder Personenzeichnungen 
unterbrachte, ohne dabei an künstlerischer Qualität 
durch das technisch-artistische Moment die geringste 
Einbuße zu erleiden.
	        

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