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Internationale 
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Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde 
Herausgeber: Norbert Ehrlich 
25. Jahrgang Wien, 1. September 1933 Nr. 16 
Condoner 
Aus London wird uns geschrieben: 
Mit großer Spannung wurde der Versteigerung 
der Liebesbriefe Napoleons I. an seine erste 
Gattin Josephine Beauharnais entgegengesehen, die 
im Rahmen der Roseberry-Auktion bei 
S o t h e b y erfolgte. 
Es waren im ganzen acht Briefe, von denen 
einer vor der Vereinigung des Kaisers mit Josephine, 
die anderen während des italienischen Feldzuges ge 
schrieben waren. Die Erbin des Lords Roseberry, 
dessen Tochter Lady Sibyl Grant, hatte verfügt, 
daß die acht Briefe nicht einzeln verkauft werden 
dürfen, damit diese kostbare Sammlung nicht aus 
einandergerissen werde, und so wurden sie denn 
gemeinsam ausgeboten. Vorher wurden die Briefe, 
von denen jeder zwischen zwei Blättern Papier auf 
dem Tische des Auktionators lag, von Angestellten 
berumgereicht und die Interessenten nahmen Ein 
sicht in die in Napoleons unleserlicher Handschrift 
hingekritzelten Zeilen, auf dem ihm eigentümlichen 
grünlichen Notenpapier, an dessen Kopf sich die 
allegorische Figur der französischen Republik be 
findet. 
Diese Briefe stahl ein Diener der Exkaiserin 
nach deren Tode aus einem kleinen Schreibtisch 
ihres Boudoirs. Sie kamen sodann in die Hände eines 
polnischen Agenten, der sie an den englischen Dich 
ter Charles T e m e a n t verkaufte, der schon vor 
hundert Jahren Faksimiles dieser Briefe veröffent 
lichte, so daß also ihr Inhalt bekannt war. 
Andachtsvolles Schweigen herrscht im Saale, 
als der Auktionator fragt: Findet sich ein Liebhaber 
für die acht Briefe für 1000 Pfund? Es melden sich 
ihrer drei: Ben Maggs, der Chef der Firma Maggs 
Brother, Mr. Wells sowie die Vertreter der fran 
zösischen Regierung. 
Der Kampf beginnt, Mr. Wells überbietet jeden 
Ausruf um fünfzig Pfund. Im Laufe von drei Minuten 
ist man bereits bei 2500 Pfund angelangt. Nun be 
ginnt der Eifer der Konkurrenten langsam nachzu 
lassen. Die Franzosen beraten untereinander und 
räumen einstweilen das Schlachtfeld. Einzig Wells 
und Maggs lizitieren. Wem wird heute ein Wagram 
beschieden sein? Große Schweißperlen glitzern auf 
dem Gesicht Wells', aber er gibt die Schlacht nicht 
Bericht. 
verloren. Maggs bleibt reserviert und gleichgültig 
und beschränkt sich darauf, durch ein bloßes Kopf 
nicken zu verstehen zu geben, daß er das Angebot 
von Wells überbiete. Bei 2900 Pfund zieht sich Wells 
zurück. Höher geht er nicht. Wenn die Franzosen 
nicht neuerdings eingreifen, ist der gelassene Maggs 
Sieger. Aber schon wird von französischer Seite das 
nächste Angebot gemacht und im Handumdrehen 
ist man bei 4400 Pfund angelangt. Nun wird sogar 
der phlegmatische Auktionator von der allgemeinen 
Erregung erfaßt. Er wiederholt viermal die Summe, 
und erst als er sieht, daß die Franzosen nicht die 
Absicht haben, weiterzubieten, läßt er den kleinen 
Elfenbeinhammer auf sein Pult fallen. Die Liebes- 
geständnisse Napoleons sind rechtmäßiges Eigentum 
Mr. Maggs geworden. Erst jetzt hebt er den Blick, 
den er bis dahin auf den Fußboden gesenkt hatte, 
und ächzt mit einem Seufzer der Erleichterung: 
»Gorgeous!« Es war sein erstes und letztes Wort 
während der ganzen Versteigerung. 
Die nun folgenden Stücke waren wohl noch 
interessant, ohne daß jedoch ihre Versteigerung so 
leidenschaftlichen Widerhall im Publikum gefunden 
hätte. Immerhin fand jedes Stück bereitwillige Käu 
fer, Unter anderem gelangte auch der Abschiedsbrief 
unter den Hammer, den Napoleon an seine zweite 
Gemahlin, die Kaiserin Maria Louise, schrieb, 
als er nach St. Helena ins Exil ging. Dieser Brief 
hat Maria Louise nie erreicht, aber auf der Auktion 
hat Mr. Maggs für ihn 1000 Pfund gegeben. Ein 3Vs 
Seiten langer Brief Napoleons, datiert Ajaccio 1790 
und adressiert an Pozzo di Borgo, brachte 400 Pfd., 
66 Briefe, in einem Band vereinigt, von fremden 
Souveränen an Napoleon gerichtet, erzielten 220 Pfd., 
zwei Briefe Napoleons an den Herzog von Tayllerand 
je 113 Pfd., ein anderer, der den Sieg von Austerlitz 
meldete, 110 Pfd., das Manuskript einer auf Korsika 
gehaltenen Rede Napoleons 270 Pfd. Für die authen 
tische, von Dr. Automarchi nach der Moulage 
in St. Helena angefertigte Totenmaske Napoleons 
zahlte man 40 Pfund. 
Nach der Roseberry-Auktion flaute das Inter 
esse des Publikums für Versteigerungen ab; von 
dem, was noch bis zum Schlußtage der Saison, dem 
2. August, auf den Markt kam, wurde noch weniges 
aufgenommen, das allerdings noch zu guten Preisen.
	        

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