MAK
Nr. 16 
INTERNATIONALE SAMMLER-ZEITUNG 
Seite 147 
Tuch gehüllt, und die Blicke von Mutter und Kind 
kreuzen sich. Ein liebliches Werk aus Niederöster 
reich um 1320, in dem trotz der frühen Entstehungs 
zeit beinahe schon barocke Drehungsmotive auf 
scheinen. Bemerkenswert ist auch die Maria mit dem 
Kinde, stehend. (Kat. Nr. 4.) Das Kind, streng iso 
liert, auf der linken Hand, Die Komposition ist von 
oberrheinischen Vorbildern, namentlich den Figuren 
der törichten Jungfrauen der Straßburger West 
fassade beeinflußt. Eine imposante thronende Statue 
des heiligen Petrus, vollrund, rückwärts flach aus 
gehöhlt, wurde als bisher unbekanntes Hauptwerk 
Meister Jakob Kaschauers bestimmt, den die 
Wiener Urkunden der Zeit häufig nennen. Die Zu 
schreibung ergab sich aus dem Vergleiche mit dem 
beglaubigten Altar für Freising von 1443. 
Schließlich wären sehr viele wundervolle Arbei 
ten aus Wien, Kärnten, Steiermark, Oberösterreich 
und Salzburg zu nennen, die den Kunstfreund fesseln 
werden. 
Cin Van Dyk für zehn Schilling. 
Ein Oelgemälde, das von den Sachverständigen 
Van. Dyk zugeschrieben wird und vor Jahren von 
einer Dame in Birmingham für zehn Schilling bei 
einem Trödler gekauft wurde, hat letzt in der dorti 
gen Kunstgalerie seinen Platz gefunden. Lange Zeit 
hing es versteckt auf dem Boden des Hauses der Be 
sitzerin, da es zu schmutzig schien, um ihm einen 
Platz in den Zimmern einzuräumen. 
Das Bild, das als „Porträt eines Edelmannes“ 
bezeichnet ist, wurde von der derzeitigen Besitzerin 
der Kunstgalerie leihweise überlassen. „Bei einem 
Besuch eines kleinen Trödelladens 11 , erzählte sie 
einem Berichterstatter, „hatten die Augen eines 
Porträtbildes meine Aufmerksamkeit erregt, Sie 
waren das einzige, das man auf dem schmutzigen 
Bilde klar erkennen konnte. Aber sie waren so aus 
drucksvoll, daß ich mich zum Ankauf des Bildes ent 
schloß und es nach längerem Feilschen für zehn 
Schilling in meinen Besitz brachte. Der Händler 
hatte keine Ahnung von seinem Schatz, Als ich vor 
Jahren einige Bilder einrahmen ließ, erbot sich der 
Einrahmer, das alte Bild zu reinigen. Bei dem Säube 
rungsprozeß machte das Bild schließlich, solchen Ein- 
; druck auf ihn, daß er es photographierte und einen 
Abzug dem Direktor der Galerie einsandte, der so 
fort den Wert des Bildes erkannte.“ 
Der höchste Preis für einen Van Dyk wurde 
1928 mit 30.000 Pfund Sterling erzielt. 
Verkauf der Dietrichsteinschen Bibliothek. 
Aus Prag wird uns geschrieben: 
Wie nun bekannt wird, hat der Ministerrat die 
Zustimmung zum Verkauf der berühmten fürstlich 
Dietrich steinsehen Bibliothek in Ni 
kol s b u r g gegeben. Allerdings werden vorher noch 
einige besonders wertvolle Bohemica, 40 Inkunabeln 
und 115 Handschriften, vom tschechoslowakischen 
Unterrichtsministerium erworben werden. Die Biblio 
thek soll nach Wien verkauft werden. 
Fürst Dietrich stein, der mit einer Tochter 
des Fürsten Dolgoruky, des Obersthofmeisters des 
letzten Zaren Nikolaus II, verheiratet ist und viel 
im Ausland lebt, hatte die Nikolsburger Bibliothek 
schon vor dem Weltkriege ins Ausland veräußern 
wollen, doch hatte das Denkmalschutzamt in Wien 
dagegen Einspruch erhoben. Die Bibliothek, die in 
dem auf einem Felsen errichteten Schloß unterge 
bracht ist, enthält 20.000 Bände, darunter sehr kost 
bare Frühdrucke und Handschriften. 
Das unsichtbare Bild. 
Ein sehr interessanter Erbschaftsstreit, der viel 
fach wie ein Abschnitt aus einem phantastischen und 
wirklichkeitsfernen Roman anmutet, beschäftigt der 
zeit die Londoner Richter. Der Fall ist juristisch 
auch deshalb außerordentlich interessant, weil er so 
ziemlich ohne Präzedenzfall in der englischen Judi 
katur dastehen dürfte, 
Ueber die Vorgeschichte des Prozesses wird 
folgendes gemeldet: William Rio tau, früher fran 
zösischer Staatsangehöriger, der seit langem in Eng 
land lebt, besaß früher ein Unternehmen, das sich 
mit Exporthandel befaßte. Riotau hat sich im Laufe 
der Zeit so viel Vermögen erworben, daß er in den 
ersten Nachkriegsjahren den Entschluß faßte, sich 
nunmehr von dem Erwerbsleben zurückzuziehen und 
sich ganz seinen Privatpassionen zu widmen. Er be 
saß eine Privatjacht, mit der er größere Fahrten 
machte; überdies beschäftigte er sich mit der Berei 
cherung seiner Gemäldesammlung, die manche schö 
ne Stücke enthielt. Jahr für Jahr gab er mehrere 
tausend Pfund, insbesondere für Miniaturen, aus und 
seine Privatgalerie in seiner Villa bildete einen Treff 
punkt für seine kunstverständigen Freunde. Riotau 
war unverheiratet, 1925 beschloß er nun, ein Testa 
ment zu machen. Den größten Teil seines Vermögens 
vermachte er zwei Verwandten: Jean und Louis 
Riotau, den zwei Söhnen seines verstorbenen 
Bruders. Ueberdies bedachte er allerlei Wohltätig 
keitsanstalten mit Legaten. Am meisten Sorge be 
reitete ihm das Schicksal seiner Galerie; schließlich, 
nach längerem Zaudern, beschloß er, die Galerie auf 
die zwei Brüder aufzuteilen und testamentarisch zu 
verfügen, daß der Großteil der Bilder, insbesondere 
die wertvollen, Louis Riotau zufallen, bei dem der 
alte Herr mehr Kunstverständnis voraussetzte als 
bei seinem Bruder Jean. Um jedoch den Anschein zu 
vermeiden, daß er Louis Jean bevorzuge, wurde im 
Testament bestimmt, daß die weiteren namentlich 
angeführten Bilder in das Eigentum von Jean Riotau 
überzugehen haben. 
Im Jahre 1932 ist nun William Riotau hochbe 
tagt — er erreichte 72 Jahre — an einer Lungen 
entzündung gestorben. Das Testament wurde er 
öffnet und dessen Bestimmungen ordnungsgemäß 
durchgeführt, Louis Riotau erhielt die wertvollen 
Bilder der Galerie, während Jean Riotau sich mit
	        

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