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Internationale 
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Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde 
Herausgeber: Norbert Ehrlich 
25. Jahrgang Wien, 15. Dezember 1933 Nr. 24 
Prüfung auf Jlaffael. 
Im Museum der Villa Borghese in Rom, das eine 
der köstlichsten Privatsammlungen der Welt beher 
bergt, gab es dieser Tage eine nicht geringe Sensa 
tion, Der scheidende Museumsdirektor, Prof. Bertini 
C a 1 o s s o, der zehn Jahre lang dieses wichtige Amt 
betreut hat, unterbreitete dem Hohen Rat der 
schönen Künste gewissermaßen zum Abschied eine 
Denkschrift, in der er das Resultat mehrjähriger 
Studien an dem Madonnenbild eines unbekannten 
Florentiner Meisters niedergelegt hat, das die Kata 
lognummer 371 trägt und dessen faszinierende Schön 
heit schon viele Bewunderer in seinen Bann zog. Es 
hing neben der berühmten Kreuzabnahme Raffaels 
und wurde einem Florentiner Meister zweiten Ran 
ges, Rodolfo del Ghirlandaio oder dem Granacci, 
zugewiesen. 
Ueber diesem Bild, das eine Heilige Katherina 
darstellt, schwebte jedoch von jeher ein Geheimnis. 
Es hatte nämlich, bis auf die äußeren Insignien, einen 
Palmenzweig und das Bruchstück eines Märtyrer 
rades, das die Madonna in der rechten Hand hiell, 
nichts von einem Heiligenbild. Es schien vielmehr 
das Porträt einer jungen Florentiner Edeldame, das 
später durch Hinzufügen eines roten Mantels und der 
heiligen Attribute, die sehr schlecht ausgeführt sind 
und auch dem weniger geschulten Blick sofort die 
Verschiedenheit zweier Stile verraten, in eine Ma 
donna verwandelt wurde. Diese Auffassung wurde 
von zahlreichen Sachverständigen vertreten. Ver 
schiedene Gelehrte und Museumsdirektoren, darunter 
hervorragende Kapazitäten, wie Cantalamessa und 
Roberto Longhi, hatten das Bild einem gründlichen 
Studium unterzogen. Uebereinstimmend kamen sie 
zu der Auffassung, daß der Kopf der Madonna, seine 
überaus zart beseelte Ausführung, die Hand eines 
großen Meisters verrate und daß das Porträt in sei 
ner ursprünglichen Form sich weit über den Stil 
und die Technik eines Ghirlandaio oder Granacci 
erhebe. Longhi äußerte die Vermutung, daß es sich 
um einen authentischen Raffael aus seiner 
Florentiner Zeit handle, daß es würdig neben der 
„Doni“ des Louvre und der „Unbekannten“ in den 
Uffizien bestehe und vermutlich eine dritte freie 
Nachschöpfung Raffaek hach der Mona Lisa des 
Leonardo sei. 
Bisher war man auf reine Vermutungen, Stilver 
gleiche usw. angewiesen. Das Rätsel ließ jedoch dem 
Museumsdirektor Prof, Calosso keine Ruhe, Er be 
auftragte den hervorragenden Restaurator Venturini 
P a p a r i, eine vorsichtige Lackprobe an dem roten 
Mantel vorzunehmen, der um die Schultern der Ma 
donna gelegt ist. Nachdem man ein Stückchen der 
obersten Farbschichte entfernt hatte, sah man unter 
dem Mantel die Landschaft hervorleuchten, die dort 
ursprünglich bestanden hatte. Es war nun einwand 
frei erwiesen, daß der Mantel spätere Zutat und das 
Porträt verändert worden war. Auf Grund dieser 
Feststellung ging Calosso noch einen Schritt weiter 
und ließ von einem Spezialisten, Prof. Aroldo de 
Tivoli, eine Röntgenaufnahme des Bildes 
machen. Eine Aufnahme, die das sensationelle Er 
gebnis hatte, daß unter dem stark veränderten Ma 
donnenbild eine Florentiner Edeldame zum Vorschein 
kam, die ein Schoßhündchen im Arm hielt, also ein 
profanes Bild an Stelle des Heiligenbildes. Dort, wo 
sich jetzt sichtbar die Insignien der Heiligen Kathe 
rina befinden, kauert — einstweilen nur den Rönt 
genstrahlen sichtbar — ein graziöses, ganz im Geist 
Leonardos empfundenes Schoßhündchen. 
Prof. Calosso schließt seine Untersuchung mit 
der Feststellung, daß es sich bei dem Porträt „offen 
bar um eine neue Manifestation des Leonardismus 
des Künstlers handelt, aus einer Zeit, in der Raffael 
bekanntlich Leonardo imitierte“. Er empfiehlt der 
Kommission, das Bild restaurieren und in seiner ur 
sprünglichen Form wiederherstellen zu lassen, „um 
der Galerie ein bisher unbekannt gebliebenes wun 
dervolles Werk Raffaels zu sichern“. Eine aufmerk 
same Betrachtung des Bildes, das man heute auf eine 
Staffelei in unmittelbarer Nähe des Fensters placiert 
hat, damit es in möglichst guter Beleuchtung von 
allen Kunstverständigen betrachtet und geprüft wer 
den kann, zeigt uns das geradezu ideale Porträt einer 
jungen, edel geformten Florentinerin aus dem Cin 
quecento. Herrlich die hohe Stirn und die Augen 
partie. Dieser irisierende, am Beschauer vorbeiglei 
tende, ein wenig traurige, rätselhafte Blick, der uns 
gefangen nimmt und ganz aus dem Geist Leonardos 
empfunden ist. Wundervoll ist auch das eng anlie 
gende Mieder aus Goldbrokat, das die Formen eines 
schönen, schwellenden Körpers ahnen läßt, und der
	        

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