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Internationale 
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Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde 
Herausgeber: Norbert Ehrlich 
26. Jahrgang Wien, Oktober 1934 Nr. 14 
1deutsche 'Amulette des Mittelalters und der späteren Zeit. 
Von H, W, May (München). 
Bei den alten Germanen galten die Krankheiten, 
deren Ursachen nicht klar zu Tage lagen, als über 
natürliche Strafen erzürnter Gottheiten oder als Be 
sessenheit von Unholden, Dämonen, Apeln, Teufel 
Trollen, Truten, Wichten usw. Zu den priesterlichen 
Geschäften der alten Germanen gehörte nun sowohl 
die Heilung von Krankheiten und Wunden wie an 
dererseits auch das Bannen der krankheitserregen 
den Geister, wobei man Heilung einerseits und Ban- 
nung andererseits als zwei grundverschiedene Me 
thoden der Heilkunst betrachten muß. Während die 
eine Methode naturwissenschaftlich war im Sinne 
auch noch unserer heutigen Medizin, war die andere 
Methode kultisch im Sinne einer Pastoralmedizin. 
der Suggestionstherapie oder der Psychotherapie. 
Gemäß dem, geringen Stand der naturwissen 
schaftlichen Erkenntnis war die Praxis der Bannung 
vorherrschend. Sie geschah mittels Besprechungs 
formeln in Prosa, Reim, rhythmischem Vortrag oder 
Gesang. Als Beispiel solcher Bannformeln verweise 
ich auf die bekannten Merseburger Zaubenspriiche 
als ältestes vollständigeres Dokument, wenn man 
vom Material der Edda absieht. Unsere Volksmedizin 
wie Sektenmedizin gebrauchen diese Methoden noch 
heute. Meist ging diese Besprechung gemeinsam, mit 
einer Handlung, wie dies der kultischen Praxis ent 
spricht. Vom gesprochenen Bannwort blieb wenig 
Erreichbares für den Sammler zurück; eher kamen 
schon Spuren der dabei geübten Handlung bis auf 
unsere Zeit. Die Handlung bestand meist in der 
Zeichnung oder Einritzung eines bestimmten Symbol 
zeichens (Rune, Figur) auf bestimmte Gegenstände 
oder Kleidungsstücke. Die Wirkung war die einer 
ohne Hypnose ausgeführten Suggestion, die man sich 
später mit narkotischen Räucherungen oder Tränken 
erleichterte, die das Oberbewußtsein einlullen muß 
ten. Solche Symbolzeichen als Rest einer vorgenom 
menen Bannung finden wir allgemeiner auf Waffen, 
Gefäßen, Fibeln usw. vor. Darauf näher einzugehen 
ist jedoch hier nicht beabsichtigt. 
Ein anderer Rest dieser alten Heilkunst, der uns 
heute noch greifbar ist, sind die sog. Amulette, 
worunter hier vorzugsweise die Heil- und Abwehr 
amulette verstanden sein sollen und nicht die Glücks 
amulette (Talismane). Das bekannteste Beispiel die 
ser Art ist die sog. Alraune, das Alraunmännchen 
oder -weibchen, die bereits bei den bekannten Völ 
kern des Altertums als Zaubermittel galten. Der 
Alraun ist Glücks- und Abwehrmittel medizinischer 
Art zugleich, sozusagen das Universalamulett des 
Altertums und des Mittelalters neben dem damals 
begehrten Stein, der Weisen. Der Glaube an die Kraft 
der Siegwurz (Radic vichorialis longa) reicht fast bis 
an unsere Zeit heran, wie z. B. Bräuer in seinem 
Buche: Entlarvter teuflischer Aberglaube, Frankfurt 
a. M. 1837, Seite 226, noch ohne es zu wollen, be 
weist. Wirklich historische Exemplare von Alraun- 
mannchen sind 1 aber nur äußerst selten aufzufinden 
und m. W. kein Exemplar in seinem ursprünglichen, 
reichen und reichverziertem Gehäuse. Von den 
Mi-r •••, verfügt das Germ. Nat. Museum in Nürnberg 
üoer einige Exemplare, andere sind in Prag zu sehen; 
in Privatsammlungen ist mir ein Exemplar in der 
Hand des Barons v, Schrenk-Notzing in München 
bekannt gewesen, das heute aber unauffindbar sein 
soll. Durch H. H. jEwers Roman „Alraune“ ist ja das 
Thema lange Jahre in unerfreulicher Popularität be 
handelt worden. 
Häufiger schon trifft der Sammler auf Amu- 
1 e 11 r i n g e. Es bedarf aber einiger Kenntnis der 
historischen magischen Symbolwelt, um die echten 
Amulettringe zu unterscheiden von den vielen er 
haltenen Geheimordensringen des ausgehenden 16., 
des 17, und 18. Jahrh. und von den astrologischen 
Ringen der gleichen und früheren Zeiten, die nicht 
überaus selten sind, selten aber ihrer Bedeutung nach 
richtig erkannt werden. Es würde an dieser Stelle 
zu weit führen, die hauptsächlichsten Symbolzeichen 
der Amulettringe aufzuzählen und es sei auf die 
große einschlägige Literatur und deren vorsichtigen 
und kritischen Gebrauch verwiesen. 
Die Symbolwelt der Amulettringe ist aber im 
allgemeinen die gleiche wie die der B 1 e i m e d a i 1- 
1 e n und Plakett'en in Blei, .seltener in Zinn, 
die vieleckig (besonders fünf- und sechseckig), rund 
oder in einem, seltsamen stelenartigen Umriß auf- 
treten. Sie sind sehr viel häufiger als magische Heil 
mittel wie als Talismane anzusehen. Eine große An 
zahl derselben finden sich unerkannt in Sammler- 
und Händlerhand vor, meist unerkannt, und sind in
	        

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