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Full text: Monatszeitschrift I (1898 / Heft 3)

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sich verlierenden Wiese unter dünnen hochstämmigen Bäumen tanzen 
die Kinder des Dorfes den fröhlichen Sommerringelreigen. Ein älteres 
Mädchen, ein liebliches Kind auf dem Arme schaut ruhig zu und im 
I-Iintergrunde der Bauer mit dem pflügenden Pferde, auf dem 
heimischen Boden ausruhend und den Blick zur Kinderschaar 
heriibersendend. 
Wenn ich nicht fürchtete, missverstanden zu werden, so würde 
ich die hier abgebildeten Gemälde Thoma's „Friihling" und „Sommer" 
als deutsche Marees' bezeichnen. Sie schlagen dieselben Töne an 
wie jenes ins Land der Phantasie versetzte, im goldenen Zeitalter 
classischer Nacktheit dahinträumende sehnende Daseinsglück Marees, 
nur in deutschen Worten dahinfliessend, sanft und selig mit der heimat- 
lichen Natur und Volksseele vermählt. Der junge Hirt sitzt unter den 
Bäumen auf dem Felsblock, die Weidenpfeife blasend, ihm lauschen 
versunken ein ernstblickendes Mädchen und ein blondlockiges Kind, 
das in das Bild schaut, die herrliche sonnige Mailandschaft vor 
Augen. Friedlich zieht ein Segel durch die Fluten des Flusses, ein 
Mädchen pflückt die blühenden Wiesenblumen und ruhig grast die 
Heerde. Frieden und volksliedduftiges Sommerglück tönen aus 
dem Bilde. 
Das andere Bild, auf dem Dorfanger, wiederholt die bei Thema 
charakteristischen, hochragenden, unter der Krone mit dem Bildrande 
abschneidenden Baumstämme im Vordergrunde und die schattigen 
grünenden Bäume in der Mitte, zeigt links ein Ephebenmotiv ins 
Deutschländliche übertragen. Ein Bauemjunge sitzt auf dem Rücken 
des Rosses, dessen Hals ein anderer streichelt. Dahinter rechts ein 
Mädchenreigen, der Fluss, das Dorf und der Himmel in duftiger reiner 
Klarheit leuchtend. 
Ich sprach vorhin von Th0ma's eigenartigem Freskostil. Worin 
besteht er? Ein Paar köstliche Wandmalereien in einem Frankfurter 
Gastzimmer und Aquarelle von ihm veranschaulichen ihn. Zunächst 
sind es zwei Punkte, die ihn charakterisieren, die Wahl und der 
Standort seiner Figuren einerseits und der Hintergrund andererseits. 
So niedrig als möglich in der Augenlinie stehen seine Figuren vor 
uns, ausserordentlich gross und scharf umrissen. Und dahinter eine 
weite weit zurückgehende energisch verkürzte deutsche Landschaft 
voll begliickenden Reizes. Und mit dieser Combination erreicht er eine 
geradezu grossartige Raumwirkung, eine Wahrheit und Formenwir- 
kung der Figuren, welche die energischsten „Taktilwerte" besitzen, 
um diesen glücklichen Ausdruck des feinsinnigen Berenson zu verwen- 
den. Es ist dasselbe Princip, wie es z. B. Mantegna in der Camera degli
	        

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