MAK
Franz Windisch-Graetz 
Einführung 
Wo immer heute von neuen Möbeln die Rede ist, stets gilt das 
Interesse zuerst, wenn nicht gar ausschließlich, den Sitzmöbeln. 
Sitzmöbel stehen Im Raum. Sie müssen den verschiedenartigsten 
körperlichen Sitzwünschen und Sitzweisen genügen, vom Beinahe- 
Liegen bis zum offiziellen Sitzen. Sie dürfen vor allem nicht die 
„Psychologie des Sitzens" außer acht lassen, die sehr individuell und 
sehr zeitbedingt zugleich ist. 
Gerd Hatje, 1958 
Im Jahre 1935 brachte der angesehene Kunstverlag Julius 
Hoffmann in Stuttgart das von Erich Boltenstern bearbeitete 
Buch „Wiener Möbel" heraus. Allein die Tatsache, daß 
ein so bekanntes ausländisches Verlagshaus eine seiner 
Veröffentlichungen diesem Thema widmete, läßt das 
Interesse erkennen, das damals auch von jenseits der 
Grenzen unseres Landes den hiesigen Erzeugnissen 
entgegengebracht wurde. Einige von den in Boltensterns 
Buch abgebildeten Möbeln sind auch in dieser Ausstellung 
zu sehen. Es handelt sich um mehrere Stühle, die nach 
Entwürfen von Josef Frank für das Einrichtungsgeschäft 
„Haus und Garten" ausgeführt wurden. Wir haben uns 
bemüht, doch wenigstens ein paar Beispiele seiner 
Tätigkeit als Entwerfer beizubringen, weil man ihn mit 
Fug und Recht als den Begründer des damaligen ,,neuen 
Wiener Stils" bezeichnen kann. Max Eisler schreibt dazu 
in der Einleitung zu dem Buch des Hoffmann-Verlages 
unter anderem: „Der Rationalismus der Welt von heute, 
Disziplin und Typisierung der Arbeit, sie werden in Wien 
nicht schlechtweg verleugnet. Aber in der heiteren 
Atmosphäre der Stadt verlieren sie ihre doktrinäre, mürri 
sche Härte, treten zurück in ihr gerechtes Maß und 
empfangen das, was sie erst vollkommen und für die 
Menschen angenehm oder gar beglückend macht: ein 
intim beschwingtes Wesen. Das ist die Entwicklung, das 
die Verwandlung des modernen Möbels in Wien. Und 
eben durch diese Wesenswandlung ist das Wiener Möbel 
heute wieder vorbildlich geworden für das Möbel in aller 
Welt." 
Nun sind wir freilich mit dem Gebrauch von Begriffen wie 
„geistige Anmut von Wien" — so heißt es wenige Zeilen 
vorher — oder „heitere Atmosphäre der Stadt" heute 
etwas zurückhaltender geworden. Weniger poetisch klin 
gend, dafür aber zutreffender, ist die Feststellung, daß 
die von E. Boltenstern und M. Eisler als repräsentativ 
erachteten Beispiele das Ergebnis intensiver Bemühungen 
einer Anzahl von Architekten darstellen, die sich als 
Möbelentwerfer betätigten. Viele von ihnen waren Schüler 
der Wiener Kunstgewerbeschule gewesen oder standen 
mit diesem berühmten Kunstinstitut in Verbindung. Aus 
der Gesinnung heraus, die ihnen von dort mitgegeben 
wurde, und nach den Grundsätzen des Werkbundes traten 
sie für eine zeitgemäße Gestaltung der Wohnung und des 
Mobiliars ein. Mit zahlreichen Ausstellungen wandten sie 
sich an die Öffentlichkeit, warben sie für neue, den gegen 
wärtigen Lebensumständen und den gestalterischen Ten 
denzen der Zeit angepaßte Lösungen und Formen und 
wirkten damit stilbildend und erzieherisch. Max Feilerer, 
Josef Frank, Oswald Haerdtl, Otto Niedermoser, Ernst A. 
Plischke und Alfred Soulek, um nur einige zu nennen, 
stellten ihr vielseitiges Können in den Dienst dieser Sache, 
und ausgezeichnete Tischler standen ihnen zur Seite. 
Den Ausschlag gab, daß hier, um Vorbildliches zu leisten, 
nicht erst ein Anfang gemacht werden mußte, sondern 
eine ungebrochene Tradition bestand. Somit lag keine 
Veranlassung vor, die revolutionäre Forderung nach dem 
totalen Neubeginn zu stellen, wie sie vom Bauhaus pro 
pagiert wurde. Vielmehr erwies sich der Weg der Evolution 
als naheliegender und geeigneter. Auch waren weiter 
zurückliegende Impulse maßgebend, die seinerzeit bereits 
von Adolf Loos und Arthur von Scala, dem Direktor und 
Reformator des Österreichischen Museums für Kunst und 
Industrie, ausgegangen waren und nun durch das Auf 
greifen englischer Anregungen wieder zur Anwendung 
kamen. So wie Loos lehnten Frank und seine Freunde die 
Standard-Garnituren und -Einrichtungen auf das heftigste 
ab. Sie zogen ihnen die einem bestimmten Zweck zuge 
dachten Einzelmöbel vor. Das führte sie folgerichtig dazu, 
sich mit dem Sessel zu befassen, einer Möbelart, die wie 
kaum eine andere in eine Vielfalt von Typen aufgegliedert 
werden kann. Auch hierin dem angelsächsischen Vorbild 
folgend, gelangte Frank, indem er von dem repräsentativen 
„Etablissement" abging, zu einer lockeren Gruppierung, 
wobei er den verschiedenen Tätigkeiten und Verrichtungen, 
den so gegensätzlichen Wünschen nach Geselligkeit, 
Arbeit, Beschaulichkeit und Bequemlichkeit mit geeig 
neten Sesseltypen Rechnung trug. 
Schon 1934 — also noch vor Erscheinen von Boltensterns 
Buch —verließ Frank Österreich und ging nach Schweden. 
1938 bedeutete für viele seiner Auftraggeber und Freunde 
eine Schicksalswende. Wie es hierzulande untergünstigeren 
Verhältnissen hätte weitergehen können, das zeigt uns das 
skandinavische, genauer gesagt das schwedische Beispiel. 
Dort konnte Frank ungehindert seine Tätigkeit fortsetzen: 
durch ihn wirkte auch das Wiener Vorbild indirekt weiter 
und trug zur Erneuerung und nachfolgenden Blüte der 
schwedischen, ja der gesamten skandinavischen Möbel 
erzeugung bei. In Wien aber brach eine Entwicklung ab, 
die unsere Stadt auf diesem Gebiet für kurz in das Blickfeld 
des internationalen Interesses gerückt hatte. 
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