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MAK

Full text : Monatszeitschrift V (1902 / Heft 3)

entlehnt und halb naturalistisch, halb spielend behandelt, wobei technische Schwierigkeiten

gar nicht zählen. Hohlliegende, durchbrochene, unterschnittene Formen, freies Gerank,

in das man den Finger einhaken kann und das oft (an den Sesseln besonders) wie

lebendiges Astwerk fast rustik entlangläuft. An dem Bücherkasten, der eine ganze Längswand

 bedeckt und in der Mitte durch eine grosse Spiegelnische mit gewaltiger Pendeluhr

unterbrochen ist, laufen die theilenden Pfosten als schlanke Säulchenbündel, mit Eichenlaub

 urnwunden, hinan und Hackern oben fackelartig mit einem Flamboiement von freiestem

Laubomament auf. Besonders reich ist der Rundbogen über dem Spiegel, mit Putten,

die das Zifferblatt stützen. Man hat einen Eindruck wie von phantastischer Spätgothik.

Die Säle des zweiten (Haupb) Stockwerkes sind aber noch viel reicher ausgestattet. Die

SeidenstolTe sind Meisterwerke ihrer Zeit. Den originellsten Effect macht eine pappendeckelstarke

 weisse Seide mit grossen naturalistischen Rosenbouquets in Roth und Grün,

einst die bete noire der „Sülreinigenä heute ein reizvolles Kunststück im Zeitgeschmack.

Wahre Colosse sind die goldenen Luster, diese unentwirrbaren Gestrüppe von Ornament,

in denen Adler horsten und Engelkinder nisten. Ihnen entsprechen die thurrnhohen

Eckkandelaber, in der Form von Palmen, die ein Baumkorb umgibt, alles wieder aufs

flamboyanteste stilisirt und überreich ausgesponnen. In einem der Salons steht eine Eck-Etagere

 aus Mahagoni, die pyramidal bis an den Plafond reicht und mit seltenen Porzellanstücken

 besetzt ist. Dieses Möbel mit seiner japanischen Eintheilung und einem überquellenden

 Formenwerk, das nur mehr im Habitus an Rococoformen erinnert, ist hochinteressant;

 desgleichen die zugehörigen Sitzmöbel, deren l-Iolzdetail schon die reine

Empfindungsschnitzerei (in Pankok'schem Sinne) ist. Ohne Zweifel wird die Zeit kommen,

wo diese erstaunlichen Arbeiten publicirt und studirt werden; die Vorurtheile der

verflossenen Generation sind schon heute überwunden. Ähnliche Empfindungen hat man

im Palais Pallavicini, wo einige I-Iauptmeister des seitherigen Wiener Kunstgewerbes, die

Lobmeyr und I-Iollenbach, ihre jugendlichen KräRe in Glas und Bronze bewährten. Auch

hier sind es ganz besonders die Eckkandelaber des grossen Saales, förmliche Denksäulen

Lobmeyrs, die Staunen erregen, da solche im damaligen Wien seltene Bestellungen eine

plötzliche Zusammenraffung von Kräften voraussetzen, die nie zu solchem Zwecke

geübt waren. Auch aus den Fünfzigerjahren sah man ein kleines Prachtstück, das vorn

Architekten Koch entworfene Boudoir im Palais Auersperg, einen Miniatur-Kuppelraum,

dessen Boiserien die Kunstwanderer einfach entzückten.

In neuester Zeit sind sehr bemerkenswerte Interieurs entstanden, deren jedes einen

anderen Geist (aber jedenfalls Geist, und das ist die Hauptsache) athmet. Da denkt denn

Jeder vor allem an das Palais des Grafen Karl Lanckoronski, in der Jacquingasse. Von

seiner Belvederehöhe schaut es weithin über Stadt und Land, ein Haus der Aussicht, und

ist auch danach orientirt, rnit grossen Aussichtsfenstern nach der schönen Seite hin. Es

ist ein echt österreichisches Barockpalais mit einem Saalbau in der Mitte und wurde vor

etwa sieben jahren von Fellner und I-Ielmer erbaut. Natürlich ganz im Geiste des Besitzers,

eines der erfolgreichsten Sammler alter und neuer Kunst. Es sind da Wohnhaus und

Museum unter einem Dache, ohne einander zu stören, obgleich sie nach Bedarf in

einander hinübergreifen. Zwei grosse Säle gehören zu den baulichen Merkwürdigkeiten

Wiens. Der Hauptsaal geht durch zwei Stockwerke, ist ganz in Holz montirt und hat in

halber Höhe eine Galerie mit prächtigem Geländer, die zum Theil auf Säulen ruht; die

Fenster sind an der Aussichtsseite gruppirt, wie beim Chorabschluss eines Kirchenschiffes.

Der hohe Marmorkamin ist nach einem Originale in Pistoja variirt und hat zu beiden Seiten

alte italienische Statuen als Lichtträgerinnen. Der ganze Fries ist eine breite Seidenstickerei

des XVI. Jahrhunderts, aus Villa Borghese. Seinem Inhalte nach ist schon dieser Saal

allein ein Museum, und zwar der mannigfachsten Art. Der andere, obere Saal ist eine

Glyptothek; ein Polygon, dessen Wände mit Fresken Domenichinos aus Villa Aldobrandini

in Frascati bedeckt sind. In der Mitte steht ein prächtiger weisser Marmor-Sarkophag, den

der Graf aus Kleinasien heimgebracht hat. Überhaupt sind seine kleinasiatischen Aus-
            
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