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MAK

Full text : Monatszeitschrift V (1902 / Heft 10)

sie heran, als wollte sie die Ruhe Schlummemder nicht stören, und wie sie so still und

in sich gekehrt dem Zuge ihres Herzens folgt, verleiht sie unseren eigenen Empfindungen

beredten Ausdruck. So treten auch wir leise und den Blick nach innen gerichtet an die

Gräber unserer Lieben heran und bringen ihnen Rosen dar, indem wir uns an all das Liebe

und Gute erinnern, das wir ihnen verdanken. Es ist kein falscher Ton in dem Ganzen,

weder unnatürliches Pathos noch lärmender Schmerz, nur Friede, stille Trauer und dankbares

 Gedenken. Dabei überschreitet das Denkmal in keiner Weise die Grenzen bürgerlicher

 Schlichtheit und massvoller Beschränkung, die überall notwendig ist, wo man nicht

auf die Teilname der ganzen Welt Anspruch erheben kann.

Prior hat auch sonst bereits wiederholt tüchtige Proben seiner Kunst abgelegt. Eine

vorzügliche Gruppe, die mit feinem Humor ein Böcklidsches Motiv behandelt, ist seine

Tritonenfamilie; Vater, Mutter und Kind auf einem Felsriff einträchtig beisammen sitzend,

die Mutter zum Kinde herabblickend, das sie auf dem Schosse hält, der Vater neckend

mit einem grossen Seekrebsen, der seine Scheeren gegen das Ärrnchen des Kleinen streckt.

Eine andere Gruppe, noch etwas gebunden in ihrer traditionellen Anordnung, aber voll

Rhythmus in den Linien und in der Bewegung ist seine „HeimkehW, eine Arbeit vom Jahre

r8g6. Sie zeigt die Fortschritte des Künstlers sehr deutlich, wenn wir sie mit den äusserst

fein studierten, aber rein akademisch gehaltenen Akten der Jahre x894 und 1895 vergleichen,

 einem Steinwerfer und einer Gruppe zweier römischer Soldaten unter dem

Titel „Sterbende Krieger." Einen weiteren Schritt in Bezug auf Wahrhaftigkeit im

Ausdruck bezeichnet seine lebensgrosse Gruppe „Piet'a" vom Jahre 1898. Von diesem

Jahre an finden wir den jungen Künstler selbständig tätig, und haben gesehen, wie er in

seinen jüngsten Leistungen erfolgreich vor die Öffentlichkeit tritt. Rudolf Prior wurde

1870 zu Wien geboren, hat x886 seine Studien an der Wiener Kunstgewerbeschule

unter Professor Kühne begonnen, trat 1887 an die Akademie über, wo er Schüler des

Professors Hellmer wurde und hat sich in den letzten jahren unter anderem auch an den

Konkurrenzen für das Strauss-Lanner-Denkmal und für eine Charitas-Gruppe für das

Wilhelminen-Spital in Ottakring beteiligt. j. Folnesics

TILARCHITEKTUR UND BAÜKÜNST. Klar und mit massvoller Ruhe behandelt

 Muthesius in einem kürzlich erschienenen Schriftchen" die leidenschaftlich und

viel umstrittene Stilfrage in der modernen Architektur. Er formuliert zwei Begriffe, die er

zueinander in Gegensatz stellt: die Stilarchitektur, worunter er das Bauen nach einer der

historischen Stilarten versteht, und die Baukunst, womit er das freie künstlerische Schaffen

bezeichnet, auf Grund der Forderungen, die sich aus den neuen wirtschaRlichen und Verkehrsverhältnissen,

 ihren neuen Konstruktionsprinzipien und neuen Materialien ergeben,

berücksichtigt. Er verwirft natürlich in vollem Umfange das, was er Stilarchitektur nennt,

und macht Rennaissance und Klassizismus für alles Unheil verantwortlich, das sich in die

heutige Baukunst eingenistet hat. In kurzem historischen Überblick zeigt er, wie sich die

Dinge seit dem Absterben der Gothik, die er als klassische germanische Architektur der

klassischen Antike gegenüberstellt, entwickelt haben, und lässt selbst den bedeutenden

Architekten des XIX. Jahrhunderts ihr volles Recht angedeihen, wenngleich es ihm darauf

ankommt, zu beweisen, dass sie auf Wegen gewandelt sind, die zum Verfalle der Baukunst

führen mussten. Was er dagegen als Heilmittel bezeichnet, das ist das freie Walten mit

den gegebenen Mitteln, denn nur auf diese Weise kann die Architektur unserer Zeit nach

und nach aus sich selbst heraus einen Gegenwartsstil entwickeln. „Die Architektur hat ihr

Wesen im Inhalt." Aus diesem Inhalt wird sich, wenn der moderne Architekt ihn richtig

erfasst, ganz von selbst ein Stil entwickeln. Wir sehen in allen Künsten unserer Zeit ein

Ringen nach Ausdruck und auch die Architektur blieb daran nicht unbeteiligt. DasRathaus,

das Fürstenschloss, das Landhaus, das Heldendenkmal, die Grabkapelle, der Ballsaal,

" Stilarchitektur und Baukunst. Wandlungen der Architektur im XIX. jahrhundert und ihr heutiger

Standpunkt. Von Hermann Murhesius, Mülheim - Ruhr, K. Schimmelpfeng, 1902.
            
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