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MAK

Full text : Monatszeitschrift VI (1903 / Heft 8 und 9)

Mittel und Wege sinnt

das, was seinem Geiste

vorschwebt, im praktischen

 Leben zur Wahrheit

 werden zu lassen.

Ein zündender Eifer

macht seine Ausführungen

 auch dann lesenswert

 und interessant,

wenn eine allzu subjektive

 Art, die Dinge zu

beurteilen, der Gemeingültigkeit

 seiner Aussprüche

 Eintrag tut. Ein

redliches Bemühen, den

Leser zu überzeugen, versöhnt

 mit manchen Einseitigkeiten

 der Betrachtung,

 und dieEmpi-indung,

einen ganzen Menschen

vor sich zu haben, der nichts verschweigt, was er sich denkt, und dessen Gedanken

selbständig und eigenartig genug sind, um ein mehr als vorübergehendes Interesse zu

erwecken, unterdrückt auch beim Andersdenkenden jede feindselige Regung.

Obrist behandelt seine Probleme in der Form von sieben Essays. Sie betreffen der

Reihe nach folgende Fragen: Wozu über Kunst schreiben und was ist Kunst? - Hat

das Publikum ein Interesse, das Kunstgewerbe zu heben? - Ein künstlerischer Kunstunterricht.

 - Volkskunst? - Die Zukunft unserer Architektur. - Zweckmässig oder

phantasievoll? - Neue Möglichkeiten in der bildenden Kunst.

Fast in allen diesen Aufsätzen ist das psychologische Moment, das ihnen zugrunde

liegt, mindestens ebenso interessant, wie der eigentliche Inhalt. Denn Obrist steht nicht

über den Dingen, er steht mitten drinnen. Indem er über Kunst und Künstler schreibt,

schreibt er über sich selbst, über sein eigenes Streben und Ringen. Es kocht und gährt

in ihm, und die für einen Künstler seltene Gewandtheit im Ausdruck und in der Sprache

setzt ihn in die Lage, vieles von dem zu sagen, was bei manchen seiner Kunstgenossen nur

in unklaren Empfindungen auf- und niederwogt. So lernen wir durch ihn kennen, was die

Jugend unter den bildenden Künstlern überhaupt bewegt und erregt. Die Aufsätze sollen

belehrend wirken und sind in noch viel höherem Masse Bekenntnisse. Als solche werden

sie etwa wie die „Herzensergiessungen eines kunstliebenden Klosterbruders" auch

noch in ferner Zukunft ihre Bedeutung bewahren. Das hindert natürlich nicht, dass

wir zahlreiche treffliche Wahrheiten im ganzen Buche verstreut finden, die auch für

den Tag von unbestreitbarem Werte sind und manchen praktischen Wink für die

schaffende Generation enthalten. Alles in allem führen aber auch Obrists Gedankengänge

 zu keinem anderen Schlusse als dem, dass die Kunst heute mehr als je ganzer

Menschen bedarf.

Das naturwissenschaftliche Jahrhundert war der Kunst nicht in dem Sinne abhold,

dass es von ihr nichts hätte wissen wollen, sondern vielmehr in dem, dass es der Kunst

zu wenig Anregung bot. Ihr spezifisches Geistesleben stand fast ausser Zusammenhang

mit der Kunst. Nun ist es aber eine alte Wahrheit, dass die bildende Kunst sich von den

Ideen nährt, die etwa eine Generation früher durch die führenden Geister in die Masse der

Gebildeten getragen worden sind. Bevor wir also ein Geistesleben besitzen, das der Kunst

reichliche und gesunde Nahrung spendet, werden alle Wünsche, alle leitenden Grundsätze

und reformierenden Tendenzen fruchtlos sein und nur willkommene Nahrung für den



Sitzbank von W. J. Neatby
            
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