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MAK

Full text : Monatszeitschrift VIII (1905 / Heft 2)

denn er war immer zu allererst Künstler. Kam dann etwa noch so ein besonderes,

 auch in seinen Zeichenmuskeln arbeiterhaft rumorendes Element

hinzu, so ließ er sichs ja gern gefallen. Bewunderungswürdig ist es, daß er so

bald nach seiner koloristischen Schwenkung einen solchen Höhepunkt

erstieg wie in dieser malerischen Epopöe der Arbeit, mit dem h0chdramatischen

 Moment, wenn die schwarzen Männer mit der weißglühenden

„Luppe" hantieren. Die Glas- und Eisenkonstruktion des Schauplatzes, der

feurige Brodem innen und die graue Tageskälte außen, das Spiel der

glühenden Höllenreflexe, die unbewußt heroische Gebärde der Figuranten,

das alles war damals neu. Es ist viel nachgeahmt, nie überboten worden.

Dieses große Bild ist eines der I-Iauptwerke der deutschen Malgeschichte.

Es ist, wenn man will, der Punkt, an dem sich Menzel mit Böcklin

berührt, weil Phantastik und Tatsächlichkeit so wundersam zusammentreffen.

 Der ästhetische Wendepunkt des Jahrhunderts war erreicht. Er war

herbeigeführt durch die schmerzlich-fruchtbare Reibung zweier entgegengesetzter

 Gefühlsrichtungen und Denkweisen. Einerseits das realistische

Muß derEntwicklungen einer Wirklichkeit, die ihre Stunde nahen fühlte, und

andrerseits die poetische Laune eines Idealismus, der ebenso unausrottbar

zum Untergrund des deutschen Wesens gehört. Der kategorische Norden

hat das Seine beigesteuert und der unverantwortliche Süden, die deutsche

Malerei des Jahrhunderts hat ihren borussischen und ihren alemannischen

Pol. Die englischen Präraffaeliten hatten gedacht, beides zu vereinigen und

in einer Phantasiewelt abschriftlich naturwahr sein zu können. Das Ergebnis

 war ein amphibisches, eine künstliche Kunst. Das Menzelsche und das

Böcklinsche Weltbild sind zwei ganz verschiedenartige Schöpfungen, als

könnten sie sich niemals vereinen, und darum jedes wahr und echt. Im

Grunde aber ergänzen sie sich doch in einem Verhältnis wie das Positiv

zum Negativ, das uns der optische Apparat liefert. Das eine ist die Bedingung

 des anderen.

Es ist in diesem Augenblicke und an dieser Stelle gewiß nicht notwendig,

 eine eigentliche Analyse oder auch nur Synopsis des Menzelschen

Werkes zu versuchen. Menzel war unter den Künstlern einer der lebendigsten

im Bewußtsein seiner Zeit. Jeder Kunstausstellungsbesucher hat ihn Punkt

für Punkt miterlebt. Wer erinnert sich nicht an das Aufsehen seines „Eisenwalzwerks"?

 Wer nicht an seine Boulevardecke mit dem gelben Omnibus

in der Mitte eines Pariser Gewühls, dessen Einzelheiten bis ins Lupenhafte

gingen? Oder an das ruhige breite Farbenwesen seiner „Piazza d' Erbe" in

Verona, wo er einem wirklichen Koloristen so vähnlich sieht? Oder, von

irgend einer Berliner Reise her, an die dortigen frühen und späten Galeriestücke,

 darunter jene große Königsberger Krönung, mit ihren vielen Porträts

im hellen Tageslicht und dem heißen Bemühen, Ton zu haben, der sich doch

nicht einstellen will. Er hat sich überhaupt nicht eingestellt. Das „Walzwerk"

 war ein mächtiges Aufliammen seiner ganzen Natur, einmal und nicht

wieder. Die Folgerungen blieben aus. Selbst in der herrlichen Prozession
            
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