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Full text: Monatszeitschrift VIII (1905 / Heft 11)

und Tierhetzen verbunden, zum Beispiel auf "den Mosaiken von Rottweil und 
Kreuznach. Aus Alexandrien kam auch das meiste Material für die zu einem 
der gewöhnlichsten Volksbelustigungen gewordenen Tierhetzen, gleichzeitig 
auch die meisten Tierbändiger. Wenn man erwägt, welche große Rolle die 
Musik bei deren Metier spielt, kann man sich leicht erklären, daß Orpheus, 
der durch die Macht des Gesanges alle Tiere zähmte und hinter sich her- 
lockte, allmählich zum Heros der Tierbändiger, zu einer Figur der Arena wurde 
und daß man die Zähmung der Tiere durch ihn im Zirkus als „lebendes Bild" 
stellte. Manche Orpheus-Darstellung in der Malerei, Plastik und Mosaikkunst 
mag auf ein Schauspiel der Arena und des Theaters zurückgehen." In dem- 
selben Grade wie seiner mythischen Bedeutung verdankte Orpheus seiner 
Eigenschaft als Held der Arena seine große Volkstümlichkeit unter den 
späteren Kaisern. 
Der Orpheus unserer Schale ist in Typus und Tracht den Mithras- 
Gestalten auf Reliefs der Zeit der Antonine und des Septimius Severus 
ähnlich; die sanfte, melancholische Neigung des Kopfes, der Faltenfluß des 
Mantels, dessen Art der Befestigung auf der Schulter, sind Züge, die er mit 
den Mithras- und Attis-Darstellungen des II. und III. Jahrhunderts gemein 
hat. Eine genauere Bestimmung des Alters und Ursprungs ermöglicht der 
Schmuck des Randes, ein mit dünner, weißer Farbe aufgemaltes Wellen- 
band. Diese Verzierungsart ist der gallisch-rheinischen, insbesondere der 
niederrheinischen Keramik eigentümlich und tritt zuerst um die Mitte des 
III. Jahrhunderts hervor. Anfangs sind die Ranken und Wellenbänder 
plastisch in Barbotine aufgetragen, später begnügt man sich oft mit leichter 
Pinselarbeit. Wir können die Schale daher in die zweite Hälfte des III. Jahr- 
hunderts ansetzen, womit ihre Form und die Fundumstände in Einklang zu 
bringen sind. Der gallisch-rheinische Ursprung wird auch durch die Ver- 
zierung der konvexen Unterseite bestätigt, welche mit jener der Frankfurter 
Scherbe übereinstimmt: Ein von leichten, gravierten Reifen gebildeter 
Nabel, umgeben von drei großen, mit dem Rädchen .hergestellten Strichel- 
kreisen, welche aus kleinen, mit der Spitze nach unten gerichteten Drei- 
ecken gebildet werden; der äußerste Kreis enthält etwas größere Dreiecke 
und über jedem einen Punkt. Auch diese Schale hat keinen Fabriksstempel. 
Obwohl sie von einem Grabfunde herrührt, ist damit noch nicht gesagt, 
daß sie von Anfang an für sepulkrale Zwecke berechnet war. Freilich standen 
solchen keine religiösen Bedenken entgegen, am wenigsten von Seite der 
heidnischen Kulte. Bei der vorwiegend sepulkralen Bedeutung der Orpheus- 
Mysterien kann die endgültige Verwendung der Schale als Totenbeigabe 
um so weniger überraschen, als das Tierbild des Orpheus auch sonst beim 
Totenkulte Verwendung fand, zum Beispiel auf dem Grabsteine aus Pettau, 
einem Grabmale aus El Amruni u. a." Die ungewöhnlich reiche Ausstattung 
der Schale, welche unter den Totenbeigaben aus Ton kaum ihres Gleichen 
" Friedländer, Sittengeschichte Roms, lL, 25g. 
""" Knapp, a. a. 0.. S. 28. --- Heusner, Die altchristlichen Orpheus-Darstellungen, S. 24.
	        

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