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Full text: Monatszeitschrift VIII (1905 / Heft 11)

hat, macht es wahrscheinlich, daß sie ebenso wie die kostbaren, mit Email- 
farben und Gold verzierten Glaspateren, welche in Cölner Gräbern des 
IV. Jahrhunderts gefunden wurden, ursprünglich ein Opfergerät war, freilich 
im Gegensatz zu diesen ein heidnisches. Im Orpheus-Kultus spielte die 
Götterbewirtung eine ebenso große Rolle wie in dem des Mithras. Die 
beiden gleichgeformten, mit bedeutsamen Szenen aus den Mythen beider 
Götter geschmückten Geräte dürften wohl die gleiche Bestimmung beim 
angeblichen „Opfer des Brodes" gehabt haben. Das Grab, in welches die 
Orpheus-Schale, nach den Fundumständen im IV.Jahrhundert, getan wurde, 
war jedenfalls kein christliches, wie so viele des Gräberfeldes an St. Severin, 
denn seit dem III. Jahrhundert verschwindet Orpheus aus dem christlichen 
Kulte. Die Entlehnung des Tierbildes von Seite der Katakombenkunst 
- in dieser im II. Jahrhundert besonders häufig _ war unter dem Ein- 
flusse der in den Orpheus-Mysterien ausgesprochenen Unsterblichkeitstheorie 
erfolgt, welche die Tiergestalten, dem pantheistischen Grundzuge der Orphik 
entsprechend, mit den Ideen der Seelenwanderung in Verbindung brachtefi 
Im Bilde des Orpheus sahen die Christen den Heiland, in den Tieren, 
welche sich bald ausschließlich in eine Lämmerherde verwandelten, die 
Gläubigen, welchen er in Wahrheit die Unsterblichkeit verbürgt. Vom III. 
Jahrhundert ab verwandelt sich die zoologische Musterkarte zuerst in den 
Katakomben von S. Callisto in die Lämmer der Schrift, hierauf Orpheus 
selbst in den guten Hirten. Die synkretistischen Versuche der Philosophen, 
christliche und heidnische Weltanschauung miteinander zu versöhnen, hatten 
die Kirchenlehrer, insbesondere den gestrengen Tertullian, mißtrauisch 
gemacht und ließen es geraten erscheinen, scharf gegen alle symbolischen 
Vermittlungsversuche der beiden Lehren aufzutreten, durch welche das dem 
Untergang geweihte I-Ieidentum sich noch eine Galgenfrist zu retten suchte? 
In der heidnischen Kunst dagegen wurde das Tierbild des Orpheus häufiger 
als je vorher, denn was nicht christlich war, suchte in den Mysterien des 
Mithras und des Orpheus sein Heil und dies war zu Beginn der Herrschaft 
Konstantins ungefähr die Hälfte der Bevölkerung des Riesenreiches. 
Bekanntlich schwankte Konstantin lange zwischen Mithras und Christus, 
bis er sich aus politischen Gründen für letzteren entschied und dessen 
Lehre zur Staatsreligion erklärte. 
Vor drei Jahren wurden in Straßburg i. E. zwei Bruchstücke einer 
Sigillataschale aufgefunden, ein größeres aus der Mitte und ein kleineres 
vom Rande, welche, wie mir Professor Johannes Ficker mitteilt, gleichfalls 
mit dem Tierbilde des Orpheus verziert und mit derselben Negativform 
hergestellt sind wie das Cölner Exemplar. Diese Bruchstücke werden im 
Museum der Gesellschaft für Erhaltung der geschichtlichen Denkmäler im 
Elsaß verwahrt. Ein anderes Beispiel von Innendekoration auf Sigillata 
besitzt das Berliner Antiquarium gleichfalls in einer flachrunden Schale von 
" Heusner, a. a. 0., S. 7. 
" De Waal in Krauß' Realenzyklopädie der christlichen Altertümer, s. „Orpheusß
	        

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