Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 3)


IDÖ

Naturwissenschaft haben den Zauber

 der Religion nicht völlig zu

brechen vermocht. „Durch die

Flucht der Erscheinungen, durch

Ebbe und Flut der Menschheit,

durch das Auf und Nieder des Lebens,

 durch den Sturm der Gefühle,

durch den Wirbel der Gedanken,

durch das Surren der Räder, durch

das Flimmern der Speichen, durch

den Takt der Motoren blickt ein

Ewiges hindurch. Die Menschen

haben es immer gesucht, sie haben

es verschieden genannt, die Christen

nennen es Christus." Und der

domengekrönte Erlöser, das personifizierte

 Mitleid der Welt, ist

heute, wo das erbarmungslose

Schwungrad der Industrie täglich

Tausende zermalmt wie der Wagen

Dschaggernaut, nötiger als je. Gerade

 der Wissende kennt die Grenzen

 des Wissens, er ahnt das un-VIII.

 Ausstellung der Ans and Crafzs Society, London.

Bronze-Gong, entworfen von n. s. Emerson, ausgeführt geheure Gebiet, das dem Verstand

"m p" Jephco" zu erkennen versagt ist, das hinter

dem Wissen steht. Der Materialismus ist eine überwundene Kulturperiode,

wir suchen nach einer Brücke, welche die Welt des Erkennbaren mit dem

Ewigen verbindet. Das eine Zeitlang ausgeschaltete Gemütsleben beginnt

wieder ein wichtiger Faktor in unserer geistigen Tätigkeit zu werden. Wenn

das, was wir Religion nennen, nicht mehr die Kraft hat, diese Brücke zu

schlagen, tritt Poesie und Kunst an ihre Stelle. Dichter und Künstler sind

die Träger dieser modernen Mystik, an die Stelle der naturwissenschaftlichen

materialistischen Kultur tritt die künstlerische, ästhetische Kultur. Nicht in

Äußerlichkeiten, in der künstlerischen Verfeinerung des Lebens ist sie zu

suchen; ihr Wesen besteht darin, daß neben der Tätigkeit des Verstandes

die des Gemüts und Gefühls in gleiche Rechte ergänzend eintritt.

Thomas' Ecce homo ist ein anderer als der Dürers, obwohl er manche

Züge mit ihm gemein hat. Dieser ist ein Abbild, jener ein Symbol. Als ein

solches leuchtet er uns und er allein, ohne alles Beiwerk, von der mittleren

der drei Stelen entgegen, welche der Künstler auf seinem Familengrab im

Frankfurter Friedhof aufstellen ließ: Drei starke, einfache, hellgraue Granitplatten

 ohne jede Politur, nur mit leichten Meißelschlägen gekörnt, mit zwei

wagrechten, etwas geglätteten Bändern versehen, in welche die Umrisse

stilisierter Rosen und Blätter graviert sind. In die mittlere, etwas größere
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.