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Full text: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 6 und 7)

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Gepräge zu geben. Dies führte 
namentlich im XVII. und im 
XVIII. Jahrhundert zu einem 
naiven Auskunftsmittel. 
Man führte die Front- 
mauern unbekümmert um das 
dahinterliegende steile Sattel- 
dach bis nahe zum First in 
der ganzen Breite der Haus- 
front blind weiter, gab ihr 
einen horizontalen, oft sehr 
lebendig gegliederten Ab- 
schluß und nur der hie und da 
unvermeidliche seitliche Ein- 
blick zwischen zwei I-Iäusem 
enthüllt den Umstand, daß 
das letzte Geschoß ein blindes 
ist. Auch große Öffnungen für 
die Dachrinnen verraten in- 
diskret den unkonstruktiven 
. Vorgang; daneben stehen oft 
unvermittelt prächtige alte 
Giebelhäuser, wie in Steyr, 
die den konstruktiven Ernst 
des mittelalterlichen Hausbaues zur Schau tragen. Gerade die zuletzt erwähn- 
ten Bauwerke, es sind wohl nicht mehr viele solche erhalten, verkörpern so 
recht eine sehr weit zurückreichende Bautradition, die sich bis in unsere 
Zeit festgesetzt hat. Es sei hier gestattet, an die Giebelhäuser zu erinnern, 
die erst kürzlich in einer Besprechung des deutschen Fachwerkhauses 
gezeigt wurden. Wie groß ist der Unterschied in der Behandlung derselben 
Aufgabe südlich und nördlich der Donau! 
Und doch wie deutlich zeigen die so sehr verschiedenen Baucharaktere 
das Walten einer gesunden konstruktiven und ästhetischen Tradition. Dort 
hat das Holz in Verbindung mit spärlichem Mauerwerk, hier der l-Iaustein 
in Verbindung mit größeren Putzflächen und wenig Holz so charakteristische 
Formen angenommen, daß auf dem kleinen Raum einer schmalen Giebel- 
front der volle Ausdruck handwerklicher Tüchtigkeit und liebenswürdigen 
lokalen Kunsternpfindens erreicht werden konnte. 
Die schmalen Säulenhöfe in Steyr, die trotz der Enge des Bauplatzes 
die Liebe zu luftigen Lauben betätigen, zeigen nicht geringere Vorzüge, wie 
die durch Vorkragungen und Erker belebten Fronten. Wir sehen die Freude 
am Bilden und Schaffen am Werk, das jedes von auswärts übernommene 
Motiv veränderten Lebensbedingungen und Raumverhältnissen anpaßt und 
echt handwerklich mit den Mitteln des vorhandenen Baumaterials, hier 
 
Straße in öu, Tirol
	        
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