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Full text: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 6 und 7)

Juu 
freierer Gestalt in sein Recht 
und verstand durch beweg- 
lichen Putzbau eine Anpas- 
sung an das monumentalere 
Stadtbild zu erzielen; viele 
Reminiszenzen an mittel- 
alterliche Gesellschaftsein- 
richtungen, an das zünftige 
Handwerk, an die Handels- 
interessen und religiösen 
Übungen finden sich im ba- 
rocken Wohnhaus erhalten 
und dem Rahmen des deko- 
rativen Schmuckes glücklich 
eingefügt. 
Erst das XIX. Jahrhun- 
dert hat dieser Fortsetzung 
der alten Überlieferungen ein 
Ende bereitet. Sein Beginn 
war für das Bürgerhauswert- 
voll; sein Verlauf allen ein- 
gebornen Traditionen tödt- 
lich. Der internationale theo- 
retisch-wissenschaftliche Zug 
der Zeit war bemüht, einen 
künstlerisch befriedigenden 
Ausdruck der gesteigerten Ansprüche zu finden. Das rapide Wachsen des 
Verkehrs, die rasche und einschneidende Änderung der Bedürfnisse verhin- 
derte aber eine stetige und ruhige Weiterentwicklung. Konsortien traten an 
die Stelle des Einzelbürgers, das Zinshaus mit Palastfassade verdrängte das 
Wohnhaus. 
Große Flächen gelangten mit einem Schlag zur Verbauung, Straßen- und 
Niveauregulierung gründlicher Art kamen an die Tagesordnung. Die Surrogat- 
technik und maschinelle Erzeugung der Hilfsmittel gelangte zur Herrschaft. 
Die ehrlichen Bestrebungen hervorragender Künstler, einsichtiger Kunst- 
freunde, dem bürgerlichen Wohnhaus seinen Boden zu retten, sind fast gänz- 
lich wirkungslos geblieben; erst in allerjüngster Zeit hat die Ausdehnung 
entwickelter Verkehrsmittel bis an die Peripherie der Stadt das Interesse 
wohlhabender Kreise vom Zinshaus wieder etwas abzulenken und dem 
Einzelwohnhaus zuzuwenden begonnen. 
In dieser Zeit ist das Wiener Vorstadthaus wieder entdeckt worden. 
Ermüdet von dem falschen Prunk, den unwohnlichen Grundlagen der Miet- 
kasernen, hat man dem bescheidenen, wenig beachteten kleineren Hause 
wieder Beachtung geschenkt, das für sehr einfache Lebensbedingungen 
 
Wien, Hofansicht aus der Neubaugasse
	        
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