MAK

Full text: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 10)

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liebe, durch den Sinn für die Reize, die von Technik und präziser Konsn-uktion kommen 
und durch das feinfühlig ausgebildete Organ für das Wesentliche aller Aufgaben, für das 
Ableiten von Form und ausdrucksvoller Gestalt aus den Zweck- und Stoifbedingungen des 
Objekts, Richard Riemerschmied auf. 
Besonders beachtenswert erschienen seine Einrichtungen der Kajüten und Offiziers- 
messen eines deutschen Kriegsschiffes, beachtenswert auch wegen des offiziellen Auftrages, 
der einen Erfolg der neuen Bestrebungen bedeutet. Riemerschmied ging hier, wie es auch 
Berlepsch-Valendas in seinenBodenseedampfern tat, konsequent darauf aus, aus den Eigen- 
tümlichkeiten des Schiffskörpers diese Räume herauszugestalten, keine Illusionen von Fest- 
landswohnungen vorzutäuschen, sondern gerade das, was die typische Scheindekoration des 
Schiffsinterieurs mit Stilornament rnißverständlich verkleidet, zu betonen und daraus 
charaktervolle Motive zu gewinnen. Das Rippenwerk der Decke, die leichtsphärische 
Linienführung der Wandfügung, die Fensteraugen, das alles spricht sich eindringlich und 
sichtlich aus und die Möbel wachsen organisch aus diesem Hintergrund und diesem 
Boden auf! 
Riemerschmieds Art eignet sich gerade für solche Lösungen, die mehr einen Möbel- 
ingenieur verlangen als einen phantasievollen Träumer, und es wird ihm auch Gelegenheit 
zu solcher Betätigung. Für Berlin erhielt er den dankbaren Auftrag, ein großes Wein- 
restaurant, das HausDrarbach zu inszenieren. 
Leider; war er nicht auch der Raumarchitekt, der von Grund aus den Plan als ein 
Gesamtkunstwerk hätte anlegen können. Es scheint, daß man ihm nur eine Anzahl großer 
Säle und das Begleitgebiet einzelner Kojen, das typische und nicht sehr kultivierte Gelände 
desBerlinerMassenrestaurants, wie es sich in der Zeit desWarenhauses parallel entwickelte, 
im Urzustand der nackten Mauern übergab. Also weniger eine Gestaltungs- als eine Ein- 
kleidungsaufgabe. Nur ihre Behandlung kann also beurteilt werden. 
Riemerschmied verwandte als I-Iauptmaterial seinen Lieblingsstoff, das Holz. Er hat 
ja immer mit Hingebung sich in das Leben des Holzes versenkt, seine mannigfachen 
Erscheinungen und Arten studiert; er kennt die Sprache und Ausdrucksmöglichkeiten aller 
Baummaserungen, so wie Hermann Obrist die Sprache der Steine kennt. 
Vor allem wurden in diesen Räumen interessante Paneelvariationen verwertet. 
Farbige Mischungen der Hölzer geben temperamentvolle, heitere Wandstimmung. Nicht 
Einlegearbeit, sondern die robustere, primitivere Technik des Ausschnittes und der Unter- 
legung, wie es Makintosh liebt, ist angewendet. Und dadurch wird die Wand nicht nur 
malerisch, sondern auch in ihrer Flächenfihrung lebhaft gegliedert. In mattem Graugrün 
sitzen zum Beispiel in Ovalausschnitten rotgebeizte l-Iintergrundfüllungen. Aus grauem 
Ahorn leuchten wie tiefliegende Augen hellrote Rundstücke auf. Interessanter und einfalls- 
reicher noch ist die Wandbekleidung der Kojen. Einmal wählt Riemerschmied glatte 
l-Iolzplatten, auf deren breiten Flächen sich das unerschöpfliche Motivspiel der Maserungs- 
wellen frei betätigen kann, und diese vertikal strebenden, natürlichen Linienphantasien 
werden proportionsgerecht durch die Paneelkante mit großgewelltem Horizontalrand 
abgeschlossen und zur Ruhe gebracht. 
Zu diesen zeichnerischen Wirkungen der Maserungsliäche kommt als Abwechslung 
das Paneel einer anderen Koje, das mit Vertikalrippen von zackiger Struktur geteilt ist. 
Und diese Rippen fassen in Abständen Rundschnitte mit Baumringen gemusterte, natürliche 
Zierate. 
Eine Abschlußleiste erinnert an die Handschriß moderner Buchkunst: eine flach- 
geschnitzte Blattwerkbordüre in farbiger Grundierung. 
Ein besonderes Kapitel bilden die Decken und Beleuchtungsmotive. In den Sälen 
gibt es lichte Decken mit dem Schmuckkranz aus weißem Stuck, elektrische Glühkörper 
sind als Blumen ihm einkomponiert. 
Feierlichen Klang hat die Deckenstimmung in dem Spiegelsaal. Die Decke ist hier 
mit mattgelbem Messingblech beschlagen, es ist wuchtig gehämmeit, die Vibration des
	        

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