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Objekt: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Der Farbenreichtum, welcher allen diesen alten Gobelins 
eigen ist, läßt sich mit mechanischen Hilfsmitteln nicht er^ 
reichen; nur die Stickerei oder die Hautelisse^Technik läßt 
die Verwendung so vieler Farben zu. Unsere moderne 
Weberei ist immer sehr bald an der Grenze der Möglich^ 
keit angekommen; 30 bis 40 Farben sind schon Ausnahmen, 
wenn man nur durchgehenden Schuß zu Hilfe nimmt. Mit 
Steche und Broché-Figuren läßt sich diese Zahl wohl noch 
etwas höher bringen, aber der Preis wird dadurch so sehr 
beeinflußt, daß man nur in den seltensten Fällen zu diesen 
Hilfsmitteln greift. Und dennoch hätte die deutsche Industrie 
ganz besonders Ursache, diesem Kunstbedürfnis, das sich in 
dem großen Teppichverbrauch der letzten Jahre offenbart, 
Rechnung zu tragen. Besonders sind es die imitierten Gobe^ 
lins französischen Ursprungs, die in ungeheuren Quantitäten 
importiert werden und ihrer geschmackvollen Ausführung 
und des billigen Preises wegen eine gern gekaufte Ware 
bilden. 
Die Hautelisse'Technik verwendet im Gegensätze zu der 
heute fast allgemein benutzten Casselisse^Technik senkrecht 
ausgespannte Fäden als Kette, während diese an Stühlen 
der Casselisse/Technik wagerecht verarbeitet wird. Bei den 
Stühlen für Hautelisse-Technik sind zwischen zwei zirka einen 
Meter voneinander entfernt aufgerichteten Balken zwei Quer^ 
bäume befestigt, einer oben, der andere unten. Zwischen 
diesen wurden wohl anfänglich, ehe man einen drehbaren 
Ketty und Warenbaum an ihre Stelle setzte, die Kettfäden 
aufgespannt und vermittels Durchflechten anderer Fäden in 
senkrechter Richtung ein Gewebe erzeugt. Die Verflechtungs^ 
weise kann eine willkürliche sein; die Überreste aus der 
ältesten Periode zeigen schon unsere heutigen Grundbedim 
gungen. Später ist man jedenfalls zu den unseren heutigen 
Webgeschirren entsprechenden Vorrichtungen gekommen, 
über die Einrichtung eines solchen Webgeschirres berichtet 
A. v. Cohausen Näheres: „In der Brusthöhe (1*25 Meter) ist 
durch kurze Arme vor den Ständern der Brustbaum und 
20 Zentimeter tiefer der Kamm befestigt. Hinter ihm hängen 
die Kettfäden senkrecht herab. Damit sie diese Lage beibe 
halten, und besonders damit die Breite des Gewebes dieselbe 
bleibt, besteht der Kamm aus einem Querholz, welches auf 
seiner ganzen Länge in regelmäßigen Abständen mit einer 
Reihe kopfloser Stifte besetzt ist, zwischen welchen ein oder 
mehrere Fäden liegen.“ 
Wollte man in diese Kette Schuß eintragen, so mußte man 
jeden Faden, der über dem Schuß beginnen sollte, vorziehen 
und den Schuß dahinter weiterstecken. Um mehr Fäden 
gleichzeitig und gleichmäßig vorziehen zu können, wird auf 
jeden Kettfaden eine verschiebbare Schlinge geknüpft und 
diese in entsprechender Reihenfolge an einem Stab befestigt, 
der vorn über den Brustbaum hinweggelegt ist. Um ein 
Leinwandgewebe herzustellen, bei welchem je ein Faden 
über dem Schuß, der nächste unter demselben zu liegen 
kommt u. s. f., kann man alle Fäden in zwei Gruppen teilen; 
zu der einen gehören die geraden Zahlen, zu der anderen 
die ungeraden. Knüpft man alle Schleifen, welche an den 
geradzahligen Fäden vorhanden sind, auf einen Stab, die 
übrigen auf einen zweiten, so ist man in der Lage, durch 
Vorziehen des einen Stabes die Hälfte der ganzen Kette zu 
gleich vorziehen zu können, die Kette zu teilen. Bleiben 
die nicht gezogenen Fäden senkrecht hängen, so wird sich 
zwischen ihnen und den nach vorn gezogenen ein spitzer 
Winkel bilden, in welchen sehr leicht und bequem mit 
Hilfe einer Nadel oder eines Holzstabes ein Querfaden ein 
zulegen ist. Durch Drücken mit der Nadel oder Leiste wird 
der Schußfaden möglichst fest in den Winkel eingepreßt. 
Nach Zurückbewegung des ersten Schleifenstabes in seine 
Grundstellung wird darauf der zweite vorgezogen, welcher 
die zweite Hälfte Faden trägt, und in dem neugebildeten 
Winkel, auch Fach genannt, der zweite Schuß eingetragen. 
Ebensogut kann man auch in drei und vier oder noch 
mehr Gruppen teilen und eine Verschnürung an entsprechend 
viel Stäben ausführen; die Kreuzungsweise der Stäbe wird 
dadurch eine freiere, mannigfaltigere. 
Die Gobelins zeigen durchgehend eine Bindung, zu deren 
Herstellung nur zwei Stäbe, Schäfte genannt, verwendet sind. 
Der Schuß ist so dicht eingetragen, daß von der Kette nichts 
zu sehen ist; es sind also die Figuren lediglich aus Schuß 
material gebildet. Zu den guten Gobelins wurde als Ketten 
material weiße Wolle verwendet. Die Herstellung eines 
solchen Teppichs stellte an den betreffenden Arbeiter ganz 
bedeutende Anforderungen. Da die richtige Auswahl der je 
weilig zu verwendenden Schußmaterialien hinsichtlich der 
feinen Nuancierung vollständig dem Gefühl des Webers 
überlassen war, so erforderte die Herstellung einer brauch 
baren, der Vorlage entsprechenden Arbeit nicht allein eine 
große Übung und Geschicklichkeit der Hand, sondern auch 
eine feine künstlerische Empfindung für die Wirkung der 
verschiedenen Farben in allen ihren zahlreichen Abstufungen. 
Das was man heute unter Gebildweberei versteht, war in 
diesem Industriezweige nicht vorhanden; die vielen modernen 
Beiwerke, wie Jacquardmaschine, Kartenmuster, Wechsel 
lade u. dgl. gab es damals noch nicht; alles was hervor 
gebracht wurde, war mehr oder minder von der individuellen 
Fähigkeit des einzelnen abhängig. Waren auch die Muster, 
die Kartons selbst nicht das geistige Eigentum des Webers, 
so mußte er doch zur Herstellung einer treuen Kopie mit 
ganz anderen Fähigkeiten und Kenntnissen ausgerüstet sein 
als der heute am mechanischen Jacquardstuhl stehende Weber, 
der von fast all den andern in die Weberei eingreifenden 
komplizierten Verrichtungen, man möchte fast sagen Wissen 
schaften, keine Ahnung hat. Aus dem Jahre 1433 wird aus 
Barcelona berichtet, daß Meister der Teppichweberkunst 
Mitglieder des Großen Rats waren; heute ist der Webermeister, 
trotz Innung, ein gewöhnlicher Lohnarbeiter. 
Eine Analogie des Arbeitsprozesses für die Gobelinfabri 
kanten hat man noch heute in den Smyrnateppichen, eine 
aufrecht stehende Kette, in welche nach Maßgabe der Vorlage 
verschiedenfarbige Wollstückchen durch Anschleifen befestigt 
werden. Noch näher kommt derselben, abgesehen von der 
wagerechten Kette, die Herstellung einzelner Figuren in 
Schußmöbelstoffen durch sogenannte Stechspulen. Nachdem 
hier das Fach ausgehoben ist, wird mit kleinen Handschützen 
ohne Rollen ein bestimmtes Material, das sich von dem 
durchgehenden Schuß in Stärke und Güte besonders abhebt, 
nur unter eine kleine Fadenpartie hinweggezogen, nicht über 
die ganze Breite; man zieht, den letzten Kettfaden als Fange 
faden benutzend, im nächsten Fach wieder zurück. Genau 
so verfuhr man bei Hautelisse; das auf die weiße Kette ge 
zeichnete Muster wurde, nachdem ein Schaftstab vorgezogen 
war, mit farbigen Wollfäden, die auf kleine Holzstäbchen 
gewickelt waren, ausgefüllt; beim nächsten Schuß gingen 
alle in derselben Richtung zurück, dadurch entstanden am 
Rande jeder Figur Schlitze, Löcher, die später durch Nähen 
beseitigt werden mußten. In den alten Gobelins sind diese 
Nähstellen häufig schon wieder aufgegangen, das zum Nähen 
benutzte Material ist vermorscht, aber die Schlitze sind 
wieder zur Maschine gekommen. Im Aussehen gleichen diese 
Gewebe unseren Ripsen, was sie im Grunde genommen ja 
auch sind, nur mit dem Unterschied, daß sie mit der heutigen 
Entstehungsweise derselben nichts gemein haben. 
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