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Full text: Monatszeitschrift X (1907 / Heft 8 und 9)

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Niederrheinische Bauemtruhe, 
XV. Jahrhundert, Kunstgewexbemuseum in Cöln 
 
blendender Feinheit zu heben verstand. So ist, besonders in Westdeutsch- 
land, gar manche brave Möbelfüllung bis zu salonfähiger Eleganz über- 
schnitten und geglättet worden; die wenig lockenden einfachen Faltwerk- 
füllungen wurden durch prächtiges Rankenomament ersetzt, die glatten 
Pfosten der Kastenmöbel erhielten erhöhten Reiz durch aufgelegte Fialen 
und Baluster, ja den ganzen Rahmenbau der Schränke hat man oft mit 
einem zusammenhängenden System gekehlter Prolilleistenl überzogen und 
mit diesen vielseitigen Künsten der Verschönerung die überraschendsten 
Typen der deutschen Kunsttischlerei erzeugt, allerdings auch zahlreiche 
Denkmäler des bescheidenen, aber echten Hausrats vernichtet. . 
Diese Überproduktion an Prunkmöbeln von unwahrscheinlich tadelloser 
Erhaltung hat schließlich das Mißtrauen und damit eine schärfere Kritik 
geweckt. Diejenigen Sammler und Museen, weiche die Möbel nicht nur 
nach ihrer dekorativen Wirkung oder als brauchbare Mustervorlagen 
schätzten, sondern auch als kulturgeschichtliche Urkunden, und die daher 
auf die Ursprünglichkeit größeren Wert legten, haben sich notgedrungen 
viel bescheidenere Ziele stecken müssen. Wie bei den Majoliken die Vorliebe 
von den glänzenden Werken der urbinatischen und faentinischen Richtung 
auf die der gotischen und archaischen Periode zurückging, obwohl die 
letzteren schon mit der Bauerntöpferei sich berühren, so ist auch bei den 
Möbeln das Verständnis für die Vorzüge und unscheinbaren Reize einfacher 
Stücke gestiegen. 
Die Hinneigung zum Primitiven ist gewiß nicht allein durch das Ver- 
siegen des käuflichen Vorrats echter Prachtstücke der alten Kunsttischlerei 
hervorgerufen, sondern sie beruht im Grund auf einer vertieften, historischen 
Betrachtungsweise auch der kunstgewerblichen Denkmäler. In der Über- 
zeugung, daß diese Geschmacksrichtung noch in der Ausdehnung begriffen 
"' Beispiele für diese Zutat sind abgebildet im Katalog der Sammlung Thewalt, Tafel III, Nr. x873, Tafel 
VI, Nr. 1878, Tafel XVIII, Nr. 1874.
	        

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