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Full text: Monatszeitschrift X (1907 / Heft 11)

ihn im alten Ägypten und den vorderasiatischen Kulturländern Jahrtausende 
vor der christlichen Ära - so wenig hat er als Sitzmöbel quantitativ bis zur 
Hochrenaissance eine Rolle gespielt. Die feste und bewegliche Bank war 
das eigentliche Sitzgerät. Der Sessel galt durch das ganze Altertum, das 
frühe und hohe Mittelalter in gewissem Sinn als Ehrensitz, als Thron, ich 
will hier nur an die bekannteste Verwendung als Sella curulis erinnern. Und 
in mittelalterlichen Nachlaßinventaren, französischen wie deutschen, mutet 
es uns, die Besitzer und Benützer von ganzen zahlreichen Stuhlgarni- 
turen eigen an, daß in einer Burg oder einem vornehmen Bürgerhaus nur 
zwei oder drei Stühle sich vor-fanden. Noch zu Anfang des XVI. Jahrhunderts 
waren bei den Abendempfängen der Könige von Frankreich Sessel nur für 
das Herrscherpaar aufgestellt, während die andern hohen Herrschaften auf 
Bänken und Truhen längs der Wände Platz nahmen. 
Daher ist es an sich kein Wunder, daß wir, noch mehr als dies bei den 
Kastenmöbeln der Fall ist, die Stühle des frühen und hohen Mittelalters so 
gut wie ausschließlich aus gemalten und gezeichneten, manchmal auch an 
Bildhauerwerken vorkommenden Beispielen kennen. Erst mit dem XV. Jahr- 
hundert treten erhaltene Denkmäler der Möbelkunst auf, aber immer noch 
ist die Zahl der Beispiele eine sehr geringe. Um so glücklicher der Sammler, 
der von diesen frühen Sachen nicht nur eine verhältnismäßig große Anzahl 
besitzt, sondern auch ge- 
radezu die berühmtesten 
Beispiele der Welt sich 
hat sichern können. 
Mit der Verbreitung 
des Renaissancestils, der 
überhaupt erst den Woh- 
nungskomfort im moder- 
nen Sinn schuf, wächst die 
Verwendung des Einzel- 
Stuhls in allen Gesell- 
schaftskreisen. Von eini- 
gen Grundtypen ausge- 
hend, entwickelt sich, wie 
in einem weitverzweigten 
Stammbaum mit Hunder- 
ten von Ästen, der Zeit- 
strömung, der Modetracht, 
den kulturellen und techni- 
schen Behelfen, den natio- 
nalen Lebensbedingungen 
folgend, bis in unsere Zeit 
eine geradezu unüberseh- 
 
Abb. 70. Italienischer Scherensluhl, XV. bis XVLjahrhundert. Höhe 
bare Zahl von Stuhltypen, m7„ 3mm, 0,69 Mm, 
74'
	        
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