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Full text: Monatszeitschrift XI (1908 / Heft 4)

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MAGDALENA WI 
INGARTNER 
Die Ausstellung, die im heurigen Sommer den Besucher 
der Tnnsbrucker Hofburg erwartet, ist einem bisher in 
Tirol wenig erforschten und bekannten Zweig des Kunst- 
handwerks gewidmet. Werke der Goldschmiedekunst 
waren gelegentlich auf kleineren lokalen Kunstausstel- 
lungcn zu sehen, wurden aber in zusammenhängender 
Weise seit der großen Tiroler Landesausstellung von 
1893 nicht mehr gezeigt, deren Katalog außerdem nur 
das Notwendigste über die Objekte vermerkte. 
Um so willkommener schien die Aufgabe, aus Anlaß der 
jetzigen Ausstellung die Bestände an Goldschmied-zarbei- 
len in Sakristeien. Kirchenschätzen und in privatem Be- 
sitz neuerdings zu untersuchen, sie mit überlieferten 
Meisternamen und Werkstätten in Verbindung zu brin- 
gen und ihre künstlerische Bedeutung, lintsteliungszeit 
und Geschichte näher zu bestimmen. Freilich bot der 
Vergleich mit alten Inventaren oder auch noch mit dem 
genannten Katalog von 1893 keine besonders erfreuli- 
chen Aspekte in Bezug auf das, was Besitzumsehichtun- 
gen, Kriegswirren und finanzielle Notlagen dem Kunst- 
handel und dem Schmelztiegel im Lauf der Zeit über- 
antwortet haben. 
Den kirchlichen Schätzen hat besonders die josefinische 
Zeit arg mitgespielt, doch stellen sie bei weitem noch den 
überwiegenden Anteil, der vor allem für die mittelalter- 
liche Zeit frommcs Stifterturn und handwerkliche Blüte 
auch heute noch recht eindrucksvoll wiederzugeben im- 
stande ist. 
Aus der Fülle der einfacheren und häufig noch in Ge- 
brauch stehenden Gegenstände seien einige Stücke her- 
vorgehoben, die ob ihrer künstlerischen Bedeutung und 
Geschichte weiteres Interesse beanspruchen dürfen. 
Zu den kirchlichen (joldschmiedearbciten, auf die stets 
alle Sorgfalt des Materials und der Ausführung verwen- 
det wurde, gehören seit dem 14. Jahrhundert die Mon- 
stranzcn. Ihre Entstehung hängt bekanntlich mit der 
Einführung des Fronleiehnamsfestes von 1264 zusammen, 
in deren Folge sie als Gefäße zur Aussetzung und öffent- 
lichen Verehrung des Altarsakramentes allgemein ge- 
bräuchlich wurden. Ein besonders eindrucksvolles Bei- 
spiel einer gotischen Turmmonstranz, bei der die ein- 
zelnen Teile des Aufbaues der gleichzeitigen Architektur 
entnommen sind, besitzt die Pfarrkirche von Hall in 
Tirol: Über dem leider im I7. Jahrhundert erneuerten 
Fuß ist der Schaft zu einem sechsseitigen Gehäuse mit 
Maßwerkdurchbrüchen, Strebepfeilerchen und Fialen 
ausgebildet, eine Form des Knaufes, wie sie auf Mon- 
stranzen und Reliquiaren öfters vorkommt, selten frei- 
lich in so reicher Ausbildung. Auf der weitausladenden 
Standplatte häufen sich hohe Pfeilerbauten, die in krab- 
benbesetzte Helme auslaufen und miteinander durch 
Strebepfeiler verbunden sind, und bilden ein vielschich- 
tiges Ganzes von erstaunlicher Monumentalität. Unter 
den Baldachintürmchen zu beiden Seiten des zylindri- 
schen Hostiengehäuses stehen die vergoldeten, gegos- 
senen Figürchen von Äiuttergottes und hl. Johannes, 
deren untersetzte Proportion, breit fallender Faltcnwurf 
und geschlossener Umriß auffällt. 
Der Tradition nach soll die Monstranz zur reichen Aus- 
stattung gehört haben, mit der der Protonotar Kaiser 
Maximilians, Ritter Florian Waldauf von Waldenstein 
seine um 1492 an der Pfarrkirche von Hall gestiftete 
Kapelle bedachte. Doch dürfte diese späte Datierung nicht 
mehr aufreehtzuerhalten sein, was vor allem aus einem 
Vergleich mit den zu Ende des 15. jahrhunderts in Süd- 
deutschland und vor allem in Südtirol in großer Zahl 
entstandenen Monstranzen hervorgeht, bei denen die 
Architekturteile bereits stärker variieren und die spie- 
lerisch-dekorative Note der Spätgotik angenommen ha- 
ben, so daß der ganze Aufbau bedeutend freiräumiger 
und aufgelöster erscheint. Möglich, daß die Haller Mon- 
stranz im Zusammenhang mit der Vollendung der Pfarr- 
kirche Mitte des 15. Jahrhunderts in Auftrag gegeben 
worden war und erst später irrtümlich mit der Waldauf- 
stiftung in Verbindung gebracht wurde. 
Mit der vorzüglichen Arbeit eines wahrscheinlich Inns- 
bruckcr Goldschmiedes wartet das abgelegene Kirchlein 
von St. Sigmund im Sellraintal auf. Der Kanzler Erzher- 
zog Sigmunds und spätere Salzburger Domherr, Rup- 
reeht Rindsmaul aus Hall, stiftete 1486 an das vom Erz- 
herzog gegründete Gotteshaus ein Reliquienkreuz und 
einen Reliquienschrein, die sich beide ohne spätere Ver- 
änderungen erhalten haben. Der auf vier gegossenen 
Löwen aufruhende Schrein zeigt auf der Vorderseite in 
durchbroehener Maßwerkrahmung eine Kreuzigung in 
Perlmutterschnitt und auf der Rückseite die gravierte 
Darstellung der Anna Selbdritt mit der hl. Ursula und 
dem knienden Stifter. Die rahmende Hohlkehle füllt 
umlaufendes freiplastisches Rankenwerk, das teilweise 
von kleinen Blüten durchsetzt ist und ebenso wie das 
verschlungene Spiralband am Rand eine hochstehende 
handwerkliche Leistung darstellt. Die Zuschreibung an 
einen tirolischen Goldschmied, wie deren mehrere am 
Hofe Sigmunds genannt werden, liegt nahe. Verlockend 
ist auch die Möglichkeit, zwischen dem St. Sigmunder 
Stück und einem einige Zeit vorher vom Erzherzog nach 
Kloster Andechs in Bayern gestifteten Rahmenreliquiar, 
das sich ebenfalls noch erhalten hat, Werkstattzusam- 
menhänge zu sehen. 
Das Andechser Reliquiar, das eine der kostbarsten Reli- 
quien des berühmten Andechscr Reliquienschatzes, ein 
Stück vom Sehweißtuch Christi, enthält, besteht aus 
einem rechteckigen Rahmen mit zwei seitlichen Grif- 
fen, dessen breite Hohlkchle ebenfalls von freiplasti- 
sehcm, hier mit Trauben durchsetztem Rankenwerk um- 
zogen ist und ein ähnliches Spiralband am Rand auf- 
weist. 
Von hier aus auf die besonderen Merkmale der tiroli- 
schen Goldschmiedekunst zu schließen, würde Erörte- 
rungen über die gleichzeitigen Meisterwerke des Brixner 
Domschatzes und verschiedene von Südtirolcr Meistern 
vcrfertigte Arbeiten notwendig machen, die in diesem
	        

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