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MAK

Full text : Monatszeitschrift XI (1908 / Heft 5)

Rom aus. Er hat auch das Talent dazu, wenngleich er keineswegs ein Maillol ist. Auch zur

Aufrichtigkeit muß man Talent haben. Und hier nun insbesondere die Gabe der Abstraktion;

a non abstrahendo, möchte man sagen, denn man abstrahiert bloß scheinbar, das Weggelassene

 ist doch im Werk mit enthalten. Es verrät sich nicht buchstäblich, aber man

fühlt es überall durch, und wenn dies nicht der Fall ist, bleibt das Werk leblos. Unser

plastischer Nachwuchs kann bei Hermann Haller viel lernen.An so einer simplen Mädchenbüste

 etwa, wo schon wirklich kein überflüssiges Haar gelassen ist. Oder an einem schreitenden

 Mädchen (Bronze) von allerlei Eigenheiten der Bewegung und von einem Stilismus,

der schließlich doch auch Eigenwuchs ist. Das eben ist der moderne Sinn des Stils. Nicht

die festgelegte Weise einer Schule, sondern die sich losringende einer Persönlichkeit.

Eigenstil des Einzelnen. Das wäre anzustreben als modernes Ideal. Ob, wie, wie weit das

möglich, davon geben solche Ausstellungen wie diese bei Miethke eine Ahnung. Darum

hauptsächlich sind sie besuchenswert.

ILHQÜETTEN. Im Hellerschen Kunstsalon hat eine Ausstellung von Silhouetten

viel Beifall gefunden. Man verdankte sie Julius Leisching, dem regsamen Direktor des

Mährischen Gewerbemuseums in Brünn, der dieses unserem Herrn Neu-Biedermeier so

sympathische Thema auch in einer illustrierten Monographie behandelt hat. Ein Vortrag,

den er darüber bei Heller hielt, fand ein dankbares Publikum. Die Silhouette ist das legitime

Kind eines Jahrhunderts aller kleinen und kleinsten Künste und spielenden Dilettantismen.

Die Schere als Malwerkzeug, das war so recht im Sinne einer Handarbeitenzeit und

schwarzes Papier als Allmaterial paßte völlig in die Zeit, welche die Schwärzen eines

Schabkunstporträts so goutierte. Goethe silhouettierte und wurde silhouettiert. Aus der

Sammlung Gottfried Eißler sah man hier beides bezeugt. Sogar durch ein Bändchen

„Goethes Gedichte" (Cotta 1815) mit einer unvollendet gebliebenen Silhouette von der

Hand des Dichters und der Widmung: „Herrn Beutherl Geschnittene Silhouette eines

Laien zur freundlichen Erinnerung guter und wohlangebrachter Tage zu Weimar, den

2x. März x8x9. Goethe." Schon diese klassischeste aller Reliquien der Scherenkunst gab

der Ausstellung ein besonderes Lüster. Auch die Silhouette von Schillers Gattin war aus

der nämlichen Sammlung beigestellt. Sie weckte in mir eine Reminiszenz, die ich hier wohl

wiederholen darf. In Schillers „Fiesko", III. Akt, sagt die Imperiali: „Er gab mir die Silhouette

 im Wahnwitz." Und Fieskos Gemahlin schreit entrüstet: „Mein Schattenriß!"

Unsem großen Klassikern waren die Wände der Welt mit Schattenrissen behängt, selbst

schon zur Zeit Fieskos. Durch Lavaters Physiognomik erhielt der Porträtschnitt gar noch

eine wissenschaftliche Eichung. Und mehrere Genrebilder der Zeit zeigen, wie das Publikum

selbst die schwarze Kunst übte. Eine so beschäftigte Gesellschaft malte Schenau („L'origine

de la peinture"); der Stich damach von Ouvrier war auch in der Ausstellung. Leisching

kennt übrigens ein solches Bild in Mähren beim Fürsten Hugo Dietrichstein, wo Fürst

Karl Dietrichstein nebst Gemahlin und Kindern so beschüigt abgebildet sind. In Wien

betrieb der biedere Löscherikohl unter tausendfältiger Tagesgraphik auch die Silhouettenkunst

 fabriksmäßig. Selbst die Weltgeschichte bediente sich der Schere. Baron Bourgoing

besitzt eine große Szene, wo Zar Paul mit seinen Kindern im Garten vor der Büste der

Zarin Katharina dargestellt ist; Antech hieß der Petersburger Künstler. Wie das Silhouettenschneiden

 ursprünglich Amateurkunst war, ersieht man etwa aus der Biographie des durch

Lichtwark berühmt gewordenen Hamburger Malers Philipp Otto Runge. In seinen „Hinterlassenen

 Schriften" (Hamburg 1840) erzählt sein Bruder, wie er das „Ausschneiden in

Papier in allerfrühester Jugend zuerst der geschickten Hand seiner ältesten Schwester

absa ". In Nr. x seines Briefwechsels sendet er ihr auch gleich eine Anzahl solcher Kunstwerke

 als Weihnachtsgabe. Als Kind schnitt er dann so alles Mögliche aus, auch Szenen aus

dem „Wandsbecker Boten", ja jede einzelne Szene aus IiTlands Jägern". Später in Dresden

„botanisierte" er auf diese Weise im Spazierengehen, indem er Pilanzen bis auf die Wurzel

hinab auf das „Zärteste" so ausschnitzelte. Sie sollten freilich den Mädchen als Stickmuster
            
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