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Inhaltsverzeichnis: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

DIE TECHNIK DES TAPEZIERERS. 
VON FRED HOOD. 
ie Kunst, ein Zimmer zu tapezieren, werden gewiß 
die wenigsten als eine wahre Kunst anerkennen 
wollen. Wenn das Tapezieren lediglich darin be^ 
stände, einen Papierstreifen mit Kleister zu bestreik 
chen und an die Wand zu kleben, so hätten diejenigen 
jedenfalls recht, welche meinen, daß zur Ausführung der 
Arbeit wenig Geschick und Kunstfertigkeit gehöre. Natürlich 
gibt es auch auf diesem Gebiete zahlreiche Stümper, welche 
in der Tat nicht viel mehr als diese simple Klebearbeit ver^ 
stehen, und der Mann, der in meinem Wohnzimmer die 
gestreifte Tapete dermaßen ungeschickt an die Wand geheftet 
hat, daß an Stelle der etwa 15 cm breiten vertikalen Streifen 
über der Tür zwei Bänder von nur 5 cm Breite sichtbar 
werden (neben anderen normaler Dimension) ist sicher solch 
ein großer Stümper gewesen. Aber dieser grobe Fehler regt 
mich hier gerade dazu an, über die Technik des Tapezierens 
zu schreiben. 
Um sogleich den erwähnten groben Fehler zu behandeln, 
möchte ich betonen, daß naturgemäß kein vernünftiger Ta^ 
pezierer derart mit seiner Arbeit beginnen wird, daß er das 
letzte Stück gerade auf den über der Tür verbleibenden 
Raum klebt — denn das ist ein Raum, welcher in der Regel 
nicht durch Bilder oder sonstige Arrangements verdeckt 
wird. Allerdings sollen über Türen und Fenstern wie in den 
Brüstungen aus Sparsamkeitsrücksichten möglichst kürzere, 
zurückbleibende Stücke verwendet werden; doch darf die 
Sparsamkeit nicht so weit gehen, daß man zunächst alle 
vollen Wandflächen in ganzer Höhe tapeziert und dann die 
Reste um jeden Preis verwendet. In vielen Fällen ist das 
Muster überhaupt derart, daß auf eine geschickte Verwem 
düng der Reststücke nicht zu rechnen ist. Da muß man dann 
eben eine oder zwei Rollen mehr zerschneiden, in Rücksicht 
auf eine möglichst vollkommene Durchführung der Arbeit. 
Oder glaubt Ihr etwa, daß der Bildhauer oder sonst ein 
Künstler, um an Material zu sparen, seiner Figur eine kürzere 
oder nur vier Finger an einer Hand geben wird? InWohm 
zimmern mit großen Kachelöfen können ja übrigens besom 
dere Schwierigkeiten nicht entstehen, da die Nische hinter 
dem Ofen frei bleibt, und der Platz hinter dem Aufsatz und 
Gesims des Ofens immer nur stückweise sichtbar wird. Man 
wird aber logischerweise am Ofen beginnen und auch hier 
wieder aufhören — also nicht in Rücksicht auf die Abfälle 
zunächst nur die langen Bahnen kleben und dann die klei^ 
neren Flächen. 
Ich spreche hier absichtlich von den alltäglich vorkommenden 
einfachen Arbeiten, welche auch künstlerisch und gewissen^ 
haft ausgeführt werden können. Denn die Ausführung großer 
Arbeiten, wie z. B. die Befestigung echter Ledern und Seidem 
tapeten, wird man schon einem tüchtigen Meister übertragen, 
der die Sache durchaus versteht. 
Es ist unglaublich, mit welchem Leichtsinn gefällige Tapeten 
bisweilen auf den rauhen Kalkputz geklebt werden, ohne 
jede Rücksicht darauf, welchen Einfluß dieser auf das Papier 
und die Farben der Tapete auszuüben vermag. Der Kalk' 
putz wirkt nämlich ätzend auf die Farben; allerdings nicht 
immer, doch sehr häufig, und darum muß man auf alle 
Fälle Vorsichtsmaßregeln treffen. In das Seifern oder Leim' 
wasser, mit welchem neu geputzte Wände vor dem Tape' 
zieren gestrichen werden (und das den Zweck erfüllen soll, 
die Kalkfarbe der Wand haltbar zu machen, um eine Be' 
einflussung der Tapetenfarben zu verhindern), kommt am 
besten ein Zusatz von Alaun oder Borsäure, welche die 
ätzende Wirkung des Kalkputzes aufheben. Der aus Roggem 
mehl und Leimwasser bereitete Kleister ist vollkommen 
geeignet, eine solide Befestigung der Papiertapete auf der 
Wand zu bewirken; nur an den Grenzen der Wandflächen, 
also z. B. an den Tür' und Paneelkanten, unter der Stuck' 
voute, platzen die Tapeten leicht ab. Klebt man aber zuvor 
an diese Stellen Leinwandstreifen an die Wand und be' 
festigt man dieselben zur Erreichung einer größeren Sicher' 
heit auch noch mit kleinen Drahtstiften, dann haftet die 
Tapete auch an diesen Stellen absolut sicher. 
Dünne Tapeten werden sehr häufig dadurch entstellt, daß 
sich die Sandkörner des rauhen Putzes in das Papier eim 
drücken und diesem eine unerwünschte Kerbung geben. 
In Nebenräumen, wie z. B. dunklen Korridoren und Kammern, 
macht dies nichts aus, zumal hier in der Regel ohnehin 
geringwertige Tapeten gewählt werden, auf deren Flächen' 
Wirkung wenig Gewicht gelegt wird. Doch in den Zimmern, 
für welche man mit Bedacht ein schönes Tapetenmuster 
wählt, sollte man auch diesen Punkt berücksichtigen. Darum 
empfiehlt es sich, hier von vornherein einen feineren, ab' 
gefilzten Putz herzustellen und bessere Tapeten nur auf eine 
Unterlage von Makulatur zu kleben. Dagegen ist es nicht 
praktisch, einen ganz glatten Gipsputz zu erzeugen, da die 
Tapete auf so glatten Flächen wieder nicht fest genug 
haftet. 
Der größte Unfug wird beim Renovieren von Räumen gC' 
trieben. Da werden Räume, die bis dahin mit Leim' oder 
Ölfarbe gestrichen waren, frisch aufgerieben und dann tape' 
ziert. Wenn der Maurer mit seinem Reibebrett und unter 
steter Benutzung seines Wasserpinsels einen anscheinend 
neuen Putz hergestellt hat, dann ist er ja vollkommen zu' 
frieden; der Tapezierer aber bekommt hinterher die Nacken' 
Schläge. Der Wandputz dieser Räume besteht aus einer 
dicken alten Putzschicht und einer dünnen aufgeriebenen 
Schale, welch letztere aus einem Gemisch von frischem 
Mörtel und Partikeln des alten abgebundenen Kalkputzes 
mit Zusatz von Farbenteilchen besteht. Diese Schicht steht 
mit dem alten Putze nicht in fester Verbindung, namentlich 
wenn die Farbe nicht zuvor gründlich abgestoßen wurde. 
Kommt dann die frische Tapete (die ein größeres Gewicht 
und beim Trocknen auch eine größere Spannungskraft be' 
sitzt, als man zu vermuten scheint) auf die Wand, so wird 
die Deckschicht durch die Tapete von dem alten Grunde los' 
gerissen, so daß nun kein Zusammenhang zwischen Tapete 
und Wand mehr besteht. Ich habe selbst in meiner Praxis, 
als ich noch ein junger Bauführer war, den Fall erlebt, daß 
die Tapeten in drei oder vier derart aufgeriebenen Räumen 
wenige Tage nach dem Tapezieren absprangen, so daß die 
Zimmer vollkommen neu tapeziert werden mußten. Das 
zweitemal war das Tapezieren von Erfolg, denn nun hing 
ja glücklicherweise die dünne Kalkschicht an den beseitigten 
Tapeten. Viele Bautechniker und Tapezierer werden dieselbe 
Erfahrung gemacht und eine Lehre daraus gezogen haben. 
Das Abreiben der Wände in bereits früher tapezierten, be' 
ziehungsweise gestrichenen Räumen hat nur dann einen 
Zweck, wenn der Putz mittels Stoßeisen vollkommen gründ' 
lieh aufgerauht und nun eine genügend starke Putzschicht auf' 
gebracht wird, welche hinlänglich Zeit zum Abbinden hat. 
Auf dem rauhen Grundputz wird der neue Putz fester 
haften, und eine hinreichend dicke, abgebundene Schicht 
vermag die Tapete auch nicht von ihrem Grunde loszureißen. 
Häufig wird der Tapezierer ohne Grund für derartige Schäden 
verantwortlich gemacht; haften aber an der abspringenden 
Tapete Teile der obersten Kalkschicht, so ist das der beste 
Beweis, daß das Aufreiben des Putzes nicht kunstgerecht 
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