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Full text: Monatszeitschrift XI (1908 / Heft 12)

dieser Stickereien gemeint sein kann, unterliegt wohl keinem Zweifel, ins- 
besondere da, wie wir sehen werden, auf andern Stücken des Ornats Kuni- 
gunde noch deutlicher als Verfertigerin oder Urheberin, was durch den la- 
teinischen Ausdruck bekanntlich beides bezeichnet werden kann, angeführt 
wird. Es gab in dem Stifte nun zwei Äbtissinnen dieses Namens: erstens die 
bereits erwähnte Tochter der Adala, die erste Äbtissin des Stiftes überhaupt, 
und dann eine zweite Kunigunde, die dem Kloster ungefähr von 123g bis 126g 
Vorstand. Die Herrschaft dieser nach urkundlichen Meldungen anscheinend 
sehr tätigen Äbtissin fiel zum Teile in überaus bewegte Zeiten, da nach dem 
Aussterben der Babenberger (x 246) langandauernde Unruhen begannen, 
Während der auch einige Adelige das Stift um Besitztümer zu bringen such- 
ten, indes Bela IV. von Ungarn zugunsten des Stiftes eintrat. 
Wenn man sich bei oberflächlicher Betrachtung oder nach minderen Ab- 
bildungen auch vorstellen kann, daß die Stickereien dem XII. Jahrhunderte 
entstammen, so ist es doch unmöglich, hiefür die Zeit der ersten Äbtissin des 
Namens, also den Anfang des XI. Jahrhunderts, anzunehmen. Obgleich wir 
nun die stilistischen Eigentümlichkeiten erst nach Betrachtung des ganzen 
 
Borte von einer Mitra im Domschatze zu Salzburg, XII. Jahrhundert 
Ornats eingehender würdigen wollen oder vielmehr obgleich sich der Ein- 
druck dann von selbst ergeben haben wird, so wollen wir doch schon hier 
an die zweite Kunigunde, also an die Mitte des XIII. Jahrhunderts, denken. 
Auffällig ist auch, daß Adala in der Stickerei mit einem Heiligenscheine 
dargestellt ist, während sie auf den Siegeln, wo sie die Kirche als Stifterin 
emporhält, ohne solchen erscheint und ihr ein solcher auch nicht zukommt". 
Ob die Taube auf dem einen Turme reine Raumfüllung ist, wie wir sonst ver- 
schiedene Füllmotive in unseren Arbeiten finden werden, oder ob sie tieferen 
Sinn hat, ist schwer zu entscheiden; jedenfalls handelt es sich aber nicht 
um einen Bestandteil des Turmes selbst, wie etwa einen Wetterhahn. Viel- 
leicht liegt hier ein ähnlicher Gedanke zugrunde, wie ihn Wilpert (in seinen 
„Christologischen Bildern", Seite 4x) erwähnt: „Der Verstorbene zwischen 
den Täubchen deutet den Glauben an, daß sein Geist bereits am Lose der 
Seligen teilhabe." - Sonderbar muten zunächst die kleinen Tiergestalten um 
Kunigunde an und besonders der wie ein Ritter ausgerüstete Zentaur, der 
unten jagend einhersprengt. Nebenbei bemerkt, ist wohl gerade dieser Zen- 
taur, der fast an gotische Drölerien erinnert, in der Zeit der älteren Kuni- 
" Daß die Kirchendarstellung der Siegel von der Wiedergabe auf der Stickerei abweicht, mag sich so 
erklären, daß die Siegeldarstellung noch später den älteren Typus forzfilhn oder daß der Zeichner der Stickerei 
den Bau nicht näher kannte oder endlich daß der Bau selbst damals im Umbau war, daß allenfalls auch der 
alte romanische Chor damals fehlte und der neue gotische noch nicht vorhanden war.
	        
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