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Full text: Monatszeitschrift XI (1908 / Heft 12)

ornamentik, die jener auf der rechten Kaselseite einigermaßen ähnelt, aber 
größer gehalten ist, noch den besprochenen Kreis mit einer heute größtenteils 
zerstörten Darstellung der Verkündigung (?) und den Evangelistensymbolen 
herum. Die Inschrift, von der heute gleichfalls ein großer Teil fehlt, lautet: 
(domi) NVS - TECVM - BENEDICTA - TV - IN - M (uliebris). (Der Herr sei 
mit Dir, Gebenedeite Du unter den Weibern!) 
Es ist auffällig, daß das geometrische Ornament unmittelbar unter dem 
Kreuze wieder unsymmetrisch gebildet ist und daß auch ein besonders aus- 
gezeichnetes Feld, das noch einen eigenen Kreis um einen Leoparden zeigt, 
sich außerhalb der Mittellinie befindet. Dieser kleine Kreis trägt die folgende 
Inschrift: "I" CHVNEGVNDIS - ABBATISSA - HOC - OPVS ' EST - OPE- 
RAT A. (Die Äbtissin Kunegunde hat dieses Werk ausgeführt.) 
Aber auch in dem quadratischen Felde findet sich längs des Randes und 
außerdem noch auf dem oberen Rande eine Inschrift, und zwar in mittel- 
hochdeutscher Sprache; sie lautet: 
DEV - DIE - I-IIMELISCI-I - CI-IVNEGINNE - GEZIRET - l-IAT- MIT - 
DER - SIDEN - WAT - DEU - I-IELFE - IR -VNDE - IR - GESINDE - HIN - 
ZE - IR - HEILIGEM - CHINDE. 
(Die die himmlische Königin geziert hat mit dem seidenen Gewande, 
die helfe sich und ihrem Gesinde hin zu dem heiligen Kinde") 
Während die lateinischen Inschriften vorgezeichnet waren und, wie 
wir sahen, von den Stickerinnen sogar mißverstanden werden konnten, 
scheint hier keine Vorzeichnung vorzuliegen; die mittelhochdeutschen Worte 
sind ganz frei hingesetzt, fast wie freie Handschrift hinfließend mit stark 
wechselnder Ausdehnung der einzelnen Buchstaben. Man gewinnt den 
Eindruck, als wäre diese Aufschrift erst im letzten Augenblicke als Herzens- 
erguß der Stickenden hinzugegeben worden; es ist nicht unmöglich, aber nicht 
nötig anzunehmen, daß die Inschrift erst nach dem Tode der Verfertigerin 
angebracht worden ist. Jedenfalls sind es Schrift und Deutsch des XIII. Jahr- 
hunderts und bajuvarische Mundart, wie sie für die österreichischen Alpen- 
länder entsprechend ist. 
Über die Tierdarstellungen der Dalmatika wurde bereits oben gesprochen. 
Wir gelangen nun zu dem fünften und letzten Stücke des Ornats, der 
Tunicella, dem Gewande des Subdiakons. Es ist hierbei schwer zu erkennen, 
was ursprünglich Vorder- und Rückseite war, da heute die oberen Teile, 
auch die Ärmel, fast völlig aus Bruchstücken der Kasel bestehen. 
Wir bilden die eine Seite hier in hängendem und gespanntem, die andre 
nur in hängendem Zustande ab (auf Seite 64g, 651 und 652). 
Daß die allgemeine Form der ursprünglichen entspricht, geht unter an- 
derrn aus dem Plianzenornamente der unvollständigen Kreise hervor (Abbil- 
' Deu ist die bayrische Form für diu (Nominativus Singularis feminini generis des hinweisenden Für- 
wones und Artikels), vergleiche Weinhold, Miuelhochdeuzsche Grammatik, Q 464; die ist Accusativ; das erste ir 
ist reflexiv, das zweite ir Genitiv statt des erst im XIVJahrhunderte allgemeinen irer, ires etc. - Finster nimmt 
statt der ersten drei Buchstaben Chunegundis an und statt des zweiten den: den. Bock vermutet persiden um! 
(persische: Seidengewand, Gewand aus persischer Seide) anstatt der siden wat.
	        

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