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MAK

Full text : Monatszeitschrift XI (1908 / Heft 12)

U53

romanischer Kunst kennen, übertrifft; man könnte, fürchtete man nicht mißverstanden

 zu werden, fast sagen, wir haben hier ein romanisches Barockoder

 Rokokowerk vor Augen. - Die Vorzeichnung der Stickerei, die offenbar

auf der Leinwand selbst entworfen wurde, kann anderswo hergestellt worden

sein, vielleicht in Salzburg. Mit diesem wichtigen kirchlichen und kulturellen

Mittelpunkte scheint Göß ja von Anfang an in Verbindung gestanden zu

haben. Schon der zu Beginn dieses Aufsatzes erwähnte Aribo hatte dort

eine hohe kirchliche Würde inne und nach Wichner" ist es nicht unwahrscheinlich,

 daß auch die erste Äbtissin Kunegunde von dort gekommen ist.

Jedenfalls konnte Salzburg aber auch noch im XIII. Jahrhunderte anregend

wirken". Die Ausführung der Stickerei erfolgte aber sicher durch die genannte

Äbtissin in Göß oder wenigstens unter ihrer Leitung, und über die Zeit, etwa

die Mitte des XIII. Jahrhunderts, kann nach dem Gesagten kein Zweifel

obwaltenii".

Obwohl unsere Stickereien, wie es bei mühevoller Handarbeit kaum

anders sein kann, dem Schwunge der freieren Vorzeichnung nicht immer ganz

nachfolgen können, obwohl sie dadurch im ersten Augenblick auch etwas

älter und vielleicht etwas zurückgeblieben erscheinen und obwohl die Zeichnung

 selbst vielleicht auch tatsächlich in mancher Beziehung hinter manchen

Werken ihrer Zeit zurücksteht, so übertrifft der Ornat, abgesehen von der

Vollständigkeit und Erhaltung der Farben, doch fast alles sonst Erhaltene

eben durch die großartige Kühnheit der Gesarntanlage und dies, sowohl was

Linienführung als was Farbe anbelangt. Wenn man einmal einen wirklichen

Überblick über die Entwicklung deutscher romanischer Kunst zu geben unternimmt,

 dann wird dieses Werk einen besonderen Platz einnehmen müssen.

So wie die „barocke" Entwicklung der Gotik und dann die eigentlich sogenannte

 Barocke (des XVII. und XVIII. jahrhunderts) vielleicht nirgends

eine so kühne und malerische Entwicklung genommen haben, wie auf süddeutsch-österreichischem

 Boden, so war es anscheinend auch schon in der

späten romanischen Zeit der Fall, und unser Ornat ist vielleicht der bedeutendste

 Beleg hiefür.

" Am angeführten Orte, Seite 164.

H Man vergleiche auch G. Swarzenski „Die Salzburger Malerei" (Leipzig 1908), zum Beispiele Abbildung

455 und 455 (Säulendecor und anderes); leider fehlt noch der Textbaud, der nähere Anhaltspunkte bieten könnte.

Es möge daher auch die Frage nach dem engeren Entstehungsgebiete der Vorzeichnung unseres Omates einstweilen

 dahingestellt bleiben.

"f" Wenn Pfarrer Finster und Theußl (am angeführten Orte. Seite tot) annehmen, das Werk müsse von

der ersten Äbtissin des Namens Kunegunde herrühren, weil die zweite ihrem Namen die Bezeichnung allem

oder andere hätte beifügen müssen, so mag darauf hingewiesen sein, daß solche Bezeichnungen in alter Zeit

höchstens dann llhlich sind, wenn zwei Träger eines Namens einander zeitlich ganz nahe stehen. Auch

sprechen die Schriftzüge keineswegs gegen, sondern für die Zeit der zweiten Kunegunde; man braucht nur die

angeführten Arbeiten aus St. Blasien zu vergleichen. -- Erst während des Druckes werde ich auf einen Aufsatz

von Dr. Ulrich Schmidt ilber „Das Einhorn und seine Bedeutung in der Kunst" (Walhalla I) aufmerksam gemacht,

wonach das Einhorn hei Szenen wie auf unserem Antependium (Seite 623) schon im XIILJahrhundene als direkte

Vertretung des Christkindes aufgefaßt werden kann.

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