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Full text: Kunst und Kunstindustrie auf der Wiener Weltausstellung 1873

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Sie öftreidjifdje Äunft. 
®iefeS oerlafirte ÜBefen, welches burip feine Hbforbtion bei 
grauen Söne ben garten fo fefjr baS körperhafte, gefte unb 
Unentwegte, baS nimmt, was an ben 3wetfchgen ober Trauben 
ber Suft ift, beeinträchtigt aud) bie fünft ebenfo fäjön gebaute 
aö gemalte ©ompofition jenes fepon ermähnten „bie Soge 
6t. gohanneS" betitelten VilbeS, welches einen ©hrenplafe im 
SUiittelfaal erhielt. @S foll bie gegenfeitige Soleranä unter 
ben ©onfeffionen prebigen unb geigt uns in ber bewahrten gönn 
einer „santa conversazione“ auf einem Spione fipenb bie 
großartige ©eftalt beS PlofeS, mit ftrengem ©rnfte auf bie 
©efepeStafeln binmeifenb, bag alte Seftament auf feinen tnieen. 
Huf ihm alg feftem »oben ber ©erccbtigteit ftept alg bag höhere, 
ßrlöfenbe, bie Siebe in ihrer Verförperung, bem ©hriftuSlnaben, 
welcher bag kreuj im Hrm eben bie Sehr/ „Siebet ©uep unter; 
einanber" oerfünbet, bie alg gnfeprift auf bem neuen Seftament 
fteht, weliheg ber linfgftehenbe »on ben unten eerfammelten 
Vertretern ber »ier cpriftlichen ©laubenSbefenntniffe, ber 9te= 
präfentant beS proteftantiömuS, aufgefchlagen trägt unb auf welche 
ber äu gitfjen beg ©hriftuS alg Vermittler figenbe Säufer bie 
eben ©enannten als ben Sern; unb Hngelpunft ber Sehre 
hinweist, was fich im OJlittelpuntt beS Saales, in bem wir 
ben granjofen unmittelbar gegenüberftehen, allerbingS pilant 
auSnimmt. 
Viemanb wirb inbefj behaupten, bap biefe |>inweifuug 
fowohl an ben SRepräfentanten beg katholiciSmuS, ben Vapft, 
als ben griedhifchen Patriarchen, bie beibe im Vorbergrunb beS 
©anon’fcpen VilbeS fnieen unb ebenfo wenig an bie beS Hngti; 
caniSmuS ober ProteftantiSmuS hinter ihnen, fo auperorbentlidp 
überflüffig fei, eS wäre benn wegen ihrer üorauSficptlicben grucpt= 
lofigfeit. 
3ft eS nicht eine ber traurigften Anomalien unferer an 
©egenfäpen fo reichen 3«*/ bap bie <hriftlicpe Siebe, ®emuth 
nnb Sulbfamfeit nirgenbS fo feiten ju finben finb, als gerabe 
unter benen, bie fie Hubern lehren füllten? kann man fich 
wunbern, Wenn bei allem tiefen Vebürfnip ber Heligiofität fich 
ba allmählig in ben ©emüthern ber ©ebilbeten ein §ap unb 
eine Verachtung gegen biefe Voten beS SicptS, bie ewig nach 
Verfinfterung ber Söelt trachten, feftfept, welche fich nothwenbig
	            		
Sic öftrrid)ifcf)c Jtunft. 79 guleßt aufg Gßriftentßum felber übertragen mußten, tote fie eg benn nur gu feßr getßan ßaben. ßg möchte ferner fein, irgenbmo in ber SBelt fdlagenbere Selege alg in ber Slugftellung bafi'tr gu finben, wie feßr bag Gßriftentßum ficb im Sewußtfein ber gebilbeten .Staffen, gang fpegiell aber in Seutfdlanb unb Oeftreid, Pielleitßt nod meßr alg in ben Scinbern romanifder 3 un 9 e auggelebt ßat. — Unb toiefe ßrfdeinung fteigert fid mit unerbittlider ßonfequeng »on 3aßr gu 3aßr, »on einer SBeltaugftellung gut anbern. — fließt nur baß unter biefen taufenben con Silbern bie 3 a W ber reli= giöfen überhaupt fo gang außerorbentlid Hein ift, fo nimmt aud) bie Sebenefraft in benfelben nod entfcbiebener ab. fUlan fießt faft immer nod weit meßr alg bei bem ßanon’fcßen bie totale ©leidgültigleit unb Abneigung, mit ber bie tünftler biefem ©tofffreig gegenüberfteßen. Sie religiöfe Sunft ift §anbwerf, ißre Sppen finb ©dablonen geworben. Slußer ein paar Keinen, feßr alten Silbden beg adtgigfaßrigen güßrid, unb feinen noeß altern ßerrlicßen ßartong ift in fdmmtlicßen beutfeßen ©älen faft nießtg Don cßriftlicßer Äunft, bag eigentlid)e Sebenglraft geigte, wag bem innern Srange eineg gläubigen ©emütßg unb niißt bem SRaifonnement, ben 3wedmäßig!eitg= unb Serftanbeggrünben ober gar ßanbwerlgmäßiget frommer fjeudelei feinen Urfprung Der= banlte. 3Jlan fann bag bellagengwertß finben, wie itß eg tßue, ober fieß barüber freuen, anbern wirb man an ber Stßatfacße gewiß nießtg. Sagegen weide fyülle oon Silbern, in benen bie ßntartung unb .öerrfeßfueßt, bie unerfättlicße ©ier ober ber ßigennuß, bie §eucßelei, bie ©emütßgßärte unb fre<ße Unbulbfamfeit, bie Süfternßeit unb ©eßlemmerei ber ©eiftlicßfeit aller ßonfeffionen, bie fatßolifde natürlid oorauf, mit aller ©dürfe beg glüßenbften §affeg, mit bem fdonungglofeften oernidtenbften Spotte, wie mit brolligen §umor, aber faft immer mit Salent gefdilbert Werben! ©ie gaßten gerabegu nad §unberten, ber Pfaffe fömmt überßaupt faft nie gut weg unb id wüßte abfolut gar leinen ©tanb unb lein §anbwerl, bag oon ber Sunft fo un= aufßörlide unb oernidtenbe Angriffe erfüßre. Unb bag in IDlünden unb SEßien weitaug am meiften! 2Ber fid baraug leine Seßren gießen fann, ben braudt man fürwaßr nid)t um feinen ©darffinn gu beneiben.
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