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MAK

Full text : Monatszeitschrift XII (1909 / Heft 4)

--:

Fremder, in Rom hauste er eingezogen, verwunschen, versonnen; niemand kam in

sein Atelier, unvollendet häuften sich Bilder und Skizzen, die uns heute von einem

nimmermüden künstlerischen Durchdenken jener Probleme schmerzensvolles Zeugnis

ablegen.

1887 starb Marees, ein aufgeriebener Mann von fünfzig Jahren. Die lahrhundertausstellung

 mit ihren fruchtbaren Strandgutwellen brachte ihn aus Vergessenheitstiefen wieder

ans Land. Meier-Gräfe, der von seinen Gegnern sehr ungerecht als ein einseitiger

Fanfarenbläser des französischen Impressionismus verketzert wird, hat sich um die

Belebung dieses ganz ungallischen, unirnpressionistischen, unmondänen und jeder Snob-Sensation

 ermangelnden Künstlers mit dem deutschen Menschenkindgesicht größte Verdienste

 erworben. Er ging versteckten Spuren nach, machte mit Finderglück gute Beute,

vor allem zog er die großen dekorativen Wandbilder des Schleißheimer Schlosses aus dem

Schatten. Sie sind denn auch die Hauptstücke dieser Gedächtnisausstellung.

Die drei Flügelbilder werden hier so gezeigt, wie es Marees sich dachte, in holzumkleidete

 Nischen eingepaßt als Teile der Wand. Das erste Triptyehon stellt die drei

nothelfenden Reiter vor, St. Martin, der mit den nackten Bettler sein Kleid teilt, St. Hubertus

 rnit Rüden und Roß, der, das Hifthorn neben sich, vor dem geweihten kreuztragenden

 Hirsch kniet, und St. Georg mit dem gebäumten Pferd vor dem Drachen. Das

Pferd falb, die Rüstung blauschimmrig, überloht vom feuerfarbenen Federbusch, das gibt

vollen koloristischen Klang. Aber das ist Marees nie die Hauptsache, immer bleibt sein

Ziel, die Einstellung der Figur in die Naturumgebung ausdrucksstark als Raumgefühl zu

vermitteln. Als solche Verrnittlungsmotive erkennt er die wagrechte und lotrechte Linie,

sie sind zugleich die einfachsten und klarsten Akzente, um einen Raumausschnitt zu

betonen und beschließend festzulegen.

Um diese Mathematik sinnlich Fleisch werden zu lassen, stellt Marees mit Vorliebe

aufrechte nackte Gestalten gegen liegende und aus diesen Zusammenhängen wählt er

parallelisierend aus der Natur gern das Gegeneinander der Wasserspiegel und der hochstämmigen

 Bäume.

Beispiele hierfür geben die beiden andern Flügelbilder, die I-Iesperiden und die

Werbung. Sie spiegeln auch die Vorstellungswelt Marees. Es ist die Vorstellung glückhafter

 elysäischer Gefilde, Orpheus-Landschaften mit bogenschießenden Götterjünglingen.

iphigenische heilige Haine mit priesterlichen Jungfrauen und heiligen Reigen.

Dies alles aber nicht schwer pathetisch, sondern erderlöst, gliederleicht, in schwebender

 Anmutsmusik der Gebärden. Und dabei, wenn auch durch viele Läuterungen

durchgeschrnolzen, immer naturentsprossen, nie blasse Schemen blutarrner Gedankenzüchtung.



Auf den Hesperiden scheint das Goethe-Wort Fleisch geworden: „Im dunklen Laub

die Goldorangen glüh'n". Und zu den goldenen Bällen im Grünen die nackte Herrlichkeit

des freigebomen Menschenleibes.

Mit reicher blühender Instrumentation wird das variiert, hyrnnisch, panisch klingt

diese Weise voll starker Naturreligion. Dann sieht man in die homerische Welt. Marees

fühlte Meeresstrand, zyklopische Blöcke, Felsgestein und steingetürrnte Bogen und die

Menschen der See mit SchiEen und Netzen elementarisch. Auf den Fresken, die als

Füllungen zwischen den gliedemden Säulen der Wände in der zoologischen Station von

Neapel leuchten, ersteht diese Welt. Unsere Ausstellung bringt die Skizzen. Von unmittelbarem

 Atem durchbraust besonders die Barke mit den vier Ruderern. Schwarzhaarige

wilde Gesichter gegen den blauen Himmel, die schwarze Barke, dem unteren Rahmenrand

parallel, gleichsam der Sockel für diese vier paarweis voreinander gestellten skulpturalen

Oberkörper, vom Arbeitsrythmus durchzuckt. Aufrecht stehen sie, nach vorn geneigt und

die steil ragenden Ruderstangen werden zu nervigen Raumakzenten.

Das dekorative Einfühlen des Mythologischen erkennt man dann gut im Ganymed-Bild.

 Der Adler füllt im Ovalrahmen den Hintergrund wie eine weiche schwarze Wolke

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