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MAK

Full text : Monatszeitschrift XII (1909 / Heft 5)

zutage tretende Verneinung

aller ideellen und wichtiger

vitaler Forderungen? Niemand,

 des Wort Nachdruck

gehabt hätte, wehrte ihnen

ernstlich. Die Stimmen der

richtig Empfindenden, leider

stets Einflußlosen, sie verhallten,

 sofern sie nicht durch

das Hohngelächter der materiell

 Starken in den Augen

der Erfolganbeter überhaupt

zu etwas Widersinnigem,

Rückschrittlichem gestempelt

 wurden. Das galt in

England genau ebenso, bloß

über IOO Jahre früher als auf

dem Kontinent. In Paris

schuf das Zweite Kaiserreich Abb. 2. Bis in die neueste Zeit gebräuchliche Bebauungsweise bei

die Boulevards und an ihre der Anlage von Kleinwohnungsquartieren in England



"' Diese Verwilderung des Geschmacks, diese völlige Verneinung kultureller Forderungen ist um so verblüffender,

 als es nicht gar lange vorher noch Stimmen gab, die, nicht etwa aus Liebhaberei bloß, ganz andern

Zielen zustrebten. In Nr. t, Jahrgang 7 der Zeitschrift „Volltskunst und Volkskunde", Seyfrieds Verlag,

München, veröffentlicht Architekt Hermann Buchner in München einen längeren. höchst interessanten Artikel:

„Bauwesen und Landesverschönerung in Bayern vor too Jahren". Baurat Votherr in München begründete im

jahre 1820 eine Gesellschaft „für nützliche ( ! ! ) Verschönerung des bayrischen Landes" zwecks „freundlicher

Gestaltung oder Verbesserung der Städte, Märkte, Dörfer, zur Vervollkommnung der einzelnen Bau- und

Kulturanlagen besonders durch Ordnung und Reinlichkeit, zur Erhöhung des häuslichen und öiTentlichen

Lebens". Zu der bald darauf erötTneten Tätigkeit der Gesellschaft bemerkt ein Skeptiker: „Keine Regierung der

Welt ist verrnögend genug, um in ihren tausend Dörfern Reinlichkeit der Wege und Pfade, freundliche und

bepflanzte Zugänge, Wegräurnung des Vetfallenen und Einsturzdrohenden und in den hunderttausend Bauemhäusem

 gesunde Luft, zweckmäßige Geräumigkeit und Bequemlichkeit für Menschen und Vieh. selbst auf

öffentliche Kosten, herzustellen. Aber der Landrichter, der Rentamtmann, der Pfarrer, der Schullehrer, der

Gutsbesitzer, der Posthalter, der Wirt, der Gemeindevorsteher, ja jeder tüchtige Bauer, der etwas auf Ehre und

Reputation hält, sind die Männer, die ohne Kosten, nur durch Ermahnungen und Beispiele, durch Bekämpfung

eigener und fremderTrägheit diese bewundernswürdige Veränderung bewirken können". So, nur in etwas andrer

Form gebracht, lautet das Programm der Begründer von Hampstead, die durch Ansiedlung kulturell Hochstehender

 unter den wirtschaftlich Schwachen Hebung der letzteren in allen Richtungen bezwecken. (Eröffnungsrede

 des Rt. Hon. Alfr. Littleton, M. P., bei Vollzug des ersten Spatenstiches auf dem Terrain von Hampstead:

„ . . . They sought to gather together in natural sympathy various classes, bearing each others burdens and

taking part in the common duty . . . "). Die Äußerungen des bayerischen Bautats, zum Beispiel über Schulgebäude,

 zeigen deutlich, auf welcher Höhe jene Zeit in vielen Fragen stand, die erst heute allmählich wieder

in Fluß gekommen sind; zum Beispiel: „Schulen sind Lichtpunkte eines Landes. Sie sollen sich, ihrem hohen

Zweck gemäß, unter den übrigen Wohnungen einer Gemeinde in Hinsicht auf Lage, Umgebung, Bau, Einrichtung

 auszeichnen. Denn die Stätten, wo wir zuerst gewisse Lehren faßten, äußern auf die Stimmung, mit der

wir sie aufnehmen, und auf den Wert, welchen sie für uns haben, ebensowohl einen bedeutenden Einfluß, wie

auf die körperliche Gesundheit. Es kommt daher viel darauf an, ob Schulgebäude geräumige helle Häuser oder

kleine, dunkle, schmutzige Hütten sind, worin die Jugend in ihrer ersten Blüte die schönsten Lebensjahre

zubringen soll. Das Schulhaus sei der Form nach ein Modell des besten Wohnhauses in der Gegend, damit die

Schüler auch diesen Eindruck schon früh erhalten und für zweckmäßige Einrichtung einer gesunden Wohnung

mehr Sinn bekommen" und so weiter. Die beigegebenen Pläne sind vorzüglich zu nennen, nicht minder die

Anschauungen über die Ausbildung der Hausgärten. der Zusammengehörigkeit von Haus und Landschaft etc.

etc. Was aus all diesen vortrefflichen Anregungen tatsächlich wurde, ist sattsam bekannt. Erst der Reaktion

gegen den wilden Triumphzug der Pluto-Aristokratie war es vorbehalten, hier Wandel wenigstens anzubahnen.

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