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Full text: Monatszeitschrift XIII (1910 / Heft 5)

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Fenstern, mannigfaltiger Dachsilhouette; als Bekrönung des Ganzen weit- 
ausladende Strebebogen, über denen sich das in einem hohen Glockenturm 
endigende Dach einer Kathedrale entwickelt! Anfangs glaubte ich, irgendeine 
phantastische Komposition vor mir zu haben, wie Viktor Hugoi sie zuweilen 
zeichnete oder Gustave Dore. Indes belehrte mich der dazugehörende Artikel 
eines besseren. Es war der Mont-Saint-Michel, aufgerissen zu einer Zeit, wo 
die Photographie dem messenden Architekten nicht zu Hilfe kam. In den 
Vorlesungen über Kunstgeschichte war von dieser eigenartigen Kombination 
profaner und kirchlicher, militärischer und klösterlicher Baukunst nie die Rede 
gewesen. Seither ist der Eindruck nicht aus meinem Gedächtnis entschwun- 
 
Abb. 7. Die Kapelle des heiligen Albertus, Plan E; jenseits: „La Tombelaine" 
den, den mir der einfache, in Viollet-le-Duds schlichter, dabei aber hoch- 
künstlerischer Weise hergestellte Holzschnitt gemacht hat. So weit mich 
auch meine Wege in die Welt hinausgefiihrt haben - immer kam irgend 
etwas dazwischen, wenn jener nordwestliche Teil Frankreichs als Reiseziel 
ins Auge gefaßt war. Und nun, im vorgerückten Mannesalter, sollte ich das 
Glück erleben, das lang ersehnte. Es gibt ja Dinge, über deren Erreichung 
Jahr um Jahr verstreicht und wäre das Werben darum noch so stark. 
Nach langer Kreuz- und Querwanderung durch die schönen Land- 
schaften, durch die an Schätzen alter Kunst überaus reichen Städte und 
Städtchen der Normandie war Avranches erreicht. Es liegt wie das wunder- 
bare Coutances hoch auf einer Bergkuppe. Jenseits derselben erstreckt sich 
"Der französiche Dichter weilte vorzugsweise gern auf dem "Mont", zu einer Zeit, da er noch Vollinsel 
und von der Neuzeit unberührt war. Ein kleiner Felsvorsprung, oben hei der „Merveillw, heißt heute „Fauteuil 
de Victor Hugo". Seine Vorliebe ftlr das Entwerfen phantastischer Architekturgebilde dürfte wohl am „MonW 
ihrem Ursprung nach zu suchen sein.
	        

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