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Der Totenschild für Oswald von Schrofenstein ist ein Schnitzwerk von
ungewöhnlicher Schönheit in der Komposition, zugleich von meisterhafter
Technik. Den-Fond der Rundtafel nimmt wie üblich das Wappenschild des
Verstorbenen ein. Es wird bekrönt von einem Spangenhelm mit dem
steigenden, freirund aus der Bildfläche hervortretenden Steinbock der
Schrofensteiner und umrahmt von der elegant geschwungenen Helmdecke,
die noch mehr als irgendeiner der Grabsteine die charakteristischen Blatt-
buckeln aufweist. Um das eigentliche Bildfeld läuft ein aus gotischen
Blättern gewundener, reich durchbrochener Kranz mit denselben stilistischen
Eigentümlichkeiten und um diesen die Inschrift in Minuskeln. Die Virtuosität,
mit der das Geranke der Helmdecke und des Blattkranzes modelliert und
unterschnitten ist, spricht entschieden dafür, daß Meister Sebald in erster
Linie Holzbildner war und daß wir ihn nach seinen Steinmetz- und Bild-
hauereiarbeiten durchaus nicht in seiner wirklichen Bedeutung bewerten
können. Ob sich auf Grund des Totenschildes des Oswald von Schrofenstein
und der Steinbildnereien noch weitere Holzschnitzwerke Bocksdorffers fest-
stellen lassen, muß einstweilen dahingestellt bleiben. jedenfalls läßt es die
Bedeutung des Meisters wünschenswert erscheinen, auch in der Altarkunst
Tirols Umschau nach Werken seiner Hand zu halten.
Wer den Grabsteinschatz Tirols, Österreichs und Altbayerns eingehend
betrachtet, wird sich der Anschauung nicht verschließen können, daß der
Behandlung gewisser Einzelformen, wie der Zeichnung der Wappenschilde,
der Zattelung der Helmdecken, der Modellierung und dem Querschnitt der
Blätter, etwas Monogrammatisches anhaftet, das nicht selten die Zuweisung
einzelner oft vielleicht sehr bescheidener Arbeiten an einen bestimmten
Meister gestattet und rechtfertigt, wie
ich dies bei Wolfgang Leb und Jörg
Gartner schon früher versucht habe.
Wir erkennen daraus oft genug den
Handwerkscharakter der mittelalter-
lichenKunst. In diesemSinne erscheinen
auch Bocksdortfers Grabplatten von
Wilten, Stams und Landeck von um so
größerem kunstgeschichtlichen Werte
als frühe und bescheidene Arbeiten ei-
nes Meisters, der in dem reichen Denk-
mal des Christoph vonTruchseß inNeu-
stift sein Bestes und zugleich seinem
Lande eines der schönsten Bildwerke
vom Ausgange des Mittelalters gab.
Das Ferdinandeum in Innsbruck
besitzt unter andern Grabsteinen drei Abb. 15. Holzrelief der Vertreibung aus dem Para-
große Platten von rotem Marmor, dies (Germanisches Nationalmuseurn in Nürnberg).
_ _ Nach einer photographischen Aufnahme aus dem
für die Blldnerkunst des ausgehenden Verlage von Christoph man", Nürnberg
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