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Full text: Monatszeitschrift XIV (1911 / Heft 10)

Kulturkuriositäten fesseln. So das Bild der Maria Taglioni als Sylphide, 1839 gemalt 
von F. W. Herdt. In einer süßen Oblatenmanier, im Feeriestil. 
Taglioni-Bilder von Franz Krüger ergänzen die Sylphide: Paul und Amalie und deren 
Tochter Auguste, von sprechender Natürlichkeit. 
Großen Raum nehmen die zeichnenden Künste ein. Schwinds Entwürfe zu den 
Wandbildern auf der Wartburg sind mit ihrem Rankenwerk auf Goldgrund lieblich 
miniaturhaft. Genellis Akte zwingen durch sparsame Umrisse plastische Körperlichkeit in 
die Erscheinung. 
Charakteristisch sind die Klassizisten vertreten. Philipp l-Iackert spiegelt das Rom, 
wie es Goethe und Stendhal gesehn. Seine römischen Spaziergänge erschienen jetzt in 
einer schönen Ausgabe bei Eugen Diederichs. Kolosseum und Konstantinsbogen malt er mit 
bewegten, ein wenig bühnenmäßig gestellten Kostiimgruppen. In Josef Anton Kochs 
arkadischen Bildern vergnügt das gewissebürgerlich-spießig Harmlose, vergleichbar der 
deutsch-anakreontischen Dichtung, die thüringisch-sächsische Heimatskunstgelilde mit 
Nymphen bevölkerte und Dünnbier als Ambrosia empfand. 
DieVersteigerung der SammlungLanna gab Gelegenheit, wertvolle ältere Zeichnungen, 
vor allem österreichischer Künstler, zu erwerben. So haben wir jetzt Fügers Entwurf zum 
Burgtheatervorhang mit Apoll und den Musen, Rudolf von Alts Budapester Rathaus mit 
dem Platz voll zierlich farbigen Gewimmels in huschiger Grazie, Kleins Blick auf Wien, 
1813, und Leybolds Jägerzeile, sauber nüchtern, hölzern spielzeughaft und doch anmutig in 
altmodischer Einfalt aufgebaut. 
Überraschend ist dann noch die Kollektion Dahl (182o-x83o). Kleinskizzen aus 
Dresden, von der Elbe, der Augustusbrücke, Wolkenstudien mit dem Dresdner Schloßturm , 
Stimmungen vom Neapler Golf. Das alles ganz unstoiflich, atmosphärisch impressionistisch, 
etwa wie Monet die Themse in ihren Temperamentsvariationen belauscht und festhält 
oder Turner die Phantome der Luft. 
Liebenswürdige Drolerien sind Spitzwegs Schusterjunge, der dem madamigen Mops 
-einen Tritt gibt, und die allerliebste Federzeichnung Schadows: der Wetterbeobachter, 
mit sparsamen Strichen der possierliche Umriß eines Gevatters, auf den Familienregen- 
schirm gestützt, mit spitziger Nase daher schnuppemd. 
Die Sensation der Ausstellung aber bleibt für mich das Kabinett mit den Blättern von 
Johann Heinrich Füßli. Dr. Kesbach erwarb sie in London, und Freiherr von Merling 
schenkte sie. Die Landeskunstkommission mag sich vor dieser infernalischen Stiftung 
bekreuzigt haben. 
F üßli, der Züricher (1742 geboren), kam früh nach England, wurde 1804 Präsident 
der Londoner Kunstakademie. Er starb 18:5. In seinem zeichnerischen Werk ist Rops, 
Beardsley, Konstantin Guys, lange bevor diese Künstler in die Erscheinung traten. Seine 
Frauentypen sind voll Dämonie, kapriziös, Heurs du mal. Ihr Gliederspiel, das Schlangen- 
hafte, das Artifizielleider Hüte, Frisuren, der Wickelgewänder macht sie unheimlich modern. 
Seltsame Mischung gibt das verwirrende Blatt, auf dem die Frau im Faltenspiel des Mantels 
(man fühlt darunter ihre Nacktheit) mit dem kaltstarren und doch vampyrisch-lechzenden 
Mund und Augen vereinigt ist mit einem männlichen Akt, der auf den Händen steht. 
Die sitzende schlafende Frau in Weiß mit der rhythmischen Gliederkurve, hell 
schwimmend mit den schwarzen Farbflecken der Locken, träurnend entmaterialisiert, läßt 
an Femand Khnopifs Visionen denken. 
Der ovale Frauenkopf mit den grell scharfen Zügen, dem exzentrisch babylonischen 
Kopfputz spukt in seiner lasterhaften beaute du diable den Walpurgisgesichten des 
Felicien Rops vor. 
Tänzerinnenszenen lassen Desgaz ahnen. Und die junge Dame mit dem Chien- 
gesicht, dem Tellerhut, den Pudellocken darunter, den rosigen Schminktupfen auf den 
kreidigen Wangen atmet das Parfüm der Mondäne des zweiten Kaiserreiches, wie sie die 
so viel spätere Chronik des Konstantin Guys prickelnd überliefert.
	        

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