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Full text: Monatszeitschrift XIV (1911 / Heft 11)

anstalter, denen gute künstlerische Namen wie Käthe Kollwitz und Martin Brandenburg 
angehören, hatten mit den Einsendungen Glück. Eine Schreckenskammer hätte das Resultat 
sein können, so aber findet sich überwiegend anständiges Mittelgut, sogar manches Per- 
sönlich-Interessante, und„der große Haufe des Dilettantischen und der Öldruck-Kindlich- 
keiten ist so geschickt auf Treppeniiuren, Korridoren, dunklen Ecken und schließlich traut 
beisammen im dritten Stockwerk des Ausstellungsgebäudes in der Potsdamerstraße verteilt, 
daß er nicht übermäßig stört. So waltete durch die hochnotpeinliche Hängekommission 
doch eine indirekte Jury. Wir wollen uns hier nicht mit billigen Späßen über die unfreiwillige 
Komik des Mißratenen aufhalten, sondern lieber kurz und knapp das herausheben, was sich 
der Worte lohnt. Eine Beobachtung macht man da sehr bald: die Überzahl der begabten 
Frauen. 
Porträte sieht man mit gutem Griff erfaßt: ein Kinderbild von Agnes von Bülow, ein 
eckiges kleines Mädchen in blauem Kleid pikant vor den stumpftonigen Hintergrund eines 
Regals mit Lederbänden gesetzt. Anna Costenoble malte den Maler Benno Berneis, die 
charakteristische Type eines katilinarischen Römerkopfes mit negerhaftem Einschlag, tref- 
fend gestaltet und farblich geschmackvoll ganz auf Grau gestimmt mit der ganz leichten 
Nuance der grünen Krawatte. Die alten Damen der Marie Linden-Wippermann sind 
gelungene biedere Kleinstadtfiguren vom Honoratiorenkaffeekränzchen. Die Studie des 
Agrariers von Emma von der Marwitz unter dem sonnigen Laubgezweig in derweißen Hemd- 
bluse und im Panama hat angenehme Freiluftqualitäten. Graziösen Reiz zeigt das „Fräulein 
B." von julie von Paul, der wir schon in der Sezession begegneten. Ein Amateur-Kammer- 
zöfchen aus der Moliere-Welt scheint es oder eine Cousine der belle chocolatiere. mit der 
Krinolinenschürze, dem Fichulatz, den gelben Ärmeln, dem rosa Häubchen über dem 
aparten Kopf mit dunklen Augen im schmalen Gesicht. Auch Landschaftliches läßt sich 
anmerken. Ein russisches Winterbild von der gleichen Künstlerin mit feiner Betonung 
des Omamentalen in der kandelaberartigen Verzweigung der Bäume. Eine recht brave 
grüne Bank vor sonnigem Haus mit Lichterspiel über Steine und Laub von Alice Michaelis. 
Ein Gebirgsausschnitt von Dora Stetter mit gefühltem Rhythmus der Hebungen und Sen- 
kungen dieser Landschaffund der Hausgiebel, vom Baum überschnitten, mit den kräftigen 
und saftigen, im Licht schwimmenden besonnten braunen und grünen Farbenharmonien. 
Geschmack hat auch das Blumenstück derselben Malerin, die schaumig gelbroten Nelken 
in der blauen tupiigen Vase auf blaugrün stmiligem Hintergrund in abgelaufenen Tönen. 
Im Stilleben findet sich auch sonst manches Gute. CezanneaEinflüsse sind dabei häuiig zu 
spüren in den körnigen Farben der Poterien, im Hautton der Früchte. Als charakteristisch 
sind noch die Bilder von Hedwig Marquard zu notieren, der ethnographische Halbakt, das 
Weib, barbarisch, fietschig vor dem blauen, weiß-grün-rot gefieckten exotischen Vorhang; 
und der „Pole", ein blasser slawischer junge mit vorgeschobenem Kinn im streihgen 
Hemd auf einer gelben Kiste hockend. Formwitzig ist das ganz plakatmäßig auf die farbige 
Fläche komponierte Bild der Bäuerin von Heitmüller: vor einer Wand, weiß gespannt wie 
ein Blendrahmen, ein roter Stuhl, darauf die Alte mit dem Runzelgesicht unter dem Capotte- 
hut im ornamental so dankbaren mattroten palmettengemusterten Umschlagtuch. 
Oft begegnet man in dieser Schau der Weise der neuen Sezession. l-Ians Bolz malte 
in der Art der jüngsten Franzosen den Hafen von Bordeaux und einen Montmartre-Aus- 
schnitt bewußt primitiv wie holzgeschnitztes Spielzeug. Wilhelm Morgner arbeitet mit 
einer neo-impressionistischen Technik gelber, blauer, brauner Vermicelli und Spiralen und 
stilisiert damit Typen der Arbeit, so den Brunnenbauer. Ein Porträt von Schmidt-Rothluff 
wirkt, als wäre es im Naturspiel - wie justinus Kemers Klexographien _ entstanden aus 
den der Tube ausgequetschten sich mischenden und ballenden Farbmassen. 
Wiethüchter mit seinen Holzsägem will Arbeit und Rhythmus in Hodlers Art voll 
künstlicher Einfalt geben. 
In der Graphik interessieren die Rahmen Segalls und Melzers. Segalls Holzschnitte 
haben eindrucksvolle Schwarz-Weißkraft durch die eigentümliche Silhouettentechnik und 
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