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Full text: Monatszeitschrift XVIII (1915 / Heft 5)

Vorbereitung vorgeführt wurden. Naturgemäß spielt diese Erziehungs- 
absicht an den Fürstenhöfen eine besonders wichtige Rolle. In seiner 
ausführlichen Darstellung der Geschichte des Spielzeugs geht H. Rene 
D'Allemagne (I-Iistoire des Jouets) auf diese geschichtlichen Tatsachen 
ein. Er weist nach, daß Ludwig XIII. als Kind auf einem durchlöcherten 
Tisch Bataillone von kleinen Bleisoldaten aufmarschieren ließflöro). Er 
erzählt von der kostbaren Armee aus Metall, die Ludwig XIV. x65o (im 
Alter von zwölf Jahren) zum Geschenk erhielt. Der Bildhauer Georges 
Chassel in Nancy modellierte die Figuren und der Goldschmied N. Merlin 
führte die Kavallerie, Infanterie und ihre Waffen und Geschütze in Silber 
aus. Dieses Spielzeug hat 50.000 Taler gekostet. 
Ludwig XV. erhielt in seinem achten Jahre eine Armee aus Papier- 
soldaten, die von H. Gessey 1670 mit künstlerischer Sorgfalt ausgeführt 
wurde und zwanzig Eskadronen Kavallerie, zehn Bataillone Infanterie 
umfaßte und ebenfalls ansehnliche Summen erforderte. Interessant ist ein 
Brief, den der Minister Colbert an seinen Bruder, den Intendanten im Elsaß, 
richtete (1662) und der folgende Stelle enthielt: 
„Ich beschwöre Sie, denken Sie an die kleine Kriegsausrüstung, an die 
Artillerie und die Menschen- und Tierfiguren; Ich bat Sie, solche bei den 
besten Meistern von Augsburg und Nürnberg zu bestellen; sie sollen dem 
Dauphin zur Zerstreuung dienen." 
Die Arbeit d'Allemagnes enthält zugleich folgende Sätze: „Die Blei- 
soldatenindustrie ist spezifisch deutsch, und die berühmtesten Fabriken fanden 
sich von Anfang an in Nürnberg. Im XVIII. Jahrhundert tritt dieses Spielzeug 
ziemlich plötzlich in der alten Stadt Nürnberg hervor. Die Bleisoldaten 
erscheinen wie ein Echo der Siege Friedrichs des Großen. Der erste 
Fabrikant, welcher diese neue Spielzeuggattung in den Handel brachte, war 
Johann Georg I-Iilpert, welcher 1794 starb. Derselbe war in seiner Art ein 
wirklicher Künstler, er stellte in hervorragender Weise den großen Friedrich, 
seinen Stab und die wichtigsten Typen der preußischen Armee dar." 
Das Germanische Museum in Nürnberg enthält viel Material, welches 
die historische Entwicklung dieser Industrie beleuchtet, die von den ersten 
Anfängen mit ihren bevorzugten und hochgestellten Abnehmern ausgehend 
immer breitere Schichten der Bevölkerung eroberte. 
D'Allemagne spricht in seinem Buche schon von zwanzig deutschen 
Fabriken, die (um 1900) zusammen jährlich um 1,25o.ooo Franken Soldaten 
produzieren. „Deutschland hat diesem Spielzeug eine besondere Ausbildung 
angedeihen lassen, hat seinen Einfluß auf die Kindererziehung geschickt 
ausgenützt, um die Flamme des Patriotismus zu entzünden und zu nähren 
und die Traditionen der Ehre und des Mutes lebendig zu erhalten." Das 
französische Lob klingt in diesem Augenblick besonders bedeutungsvoll. 
Wenn man sich auch bei uns heute der Wichtigkeit dieses patriotischen 
Erziehungsmittels erinnert hat, wenn man die Gelegenheit benützte, eine 
Sammlung von 50.000 Zinnsoldaten öffentlich zugänglich zu machen und
	        
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