das vorgestellte linke Bein haben beide Stücke gemeinsam. Betrachtet man
den Johannes der Rosario-Kapelle, namentlich die Kopf- und I-Iaarbehand-
lung, so wird man auch an ihm nicht unwesentliche Übereinstimmungen mit
unserer Juno erblicken, die uns berechtigen, sie als eine dem Meister sehr
nahestehende Version eines Entwurfes von seiner Hand zu betrachten.
Wenn von Alessandro Vittoria die Rede ist, so pHegt man gewöhnlich
seine naturalistischen Porträtbüsten heranzuziehen, um sie als eine dem
Stein angepaßte Kunst Tizians und Tintorettos zu charakterisieren. Dabei
vergißt man eine Reihe anderer Werke dieses Meisters, die abseits vom
impressionistischen Naturalismus stehen und einen Stil für sich haben, der
in mancher Beziehung mit dem Manierismus Giambolognas verwandt ist.
Abgesehen von möglichen, aber noch nicht erwiesenen Wechselwirkungen
zwischen diesen zwei Künstlern, scheint mir eine gemeinsame Quelle
auf ihre Stilbildung direkt und indirekt
gewirkt zu haben. Die Kunst des
Francesco Maria Mazzola genannt
Parmeggianino, dieses I-Iauptvertre-
ters eines aus dem Kreise Raffaels
und Correggios gewordenen Manie-
rismus, spielt im italienischen Cin-
quecento eine außerordentliche, bis
jetzt noch nicht recht gewürdigte
Rolle. Sein Stil löst in Florenz die
Werkstatttraditionen Sartos auf und
verpflanzt sich von dort nach Frank-
reich, wo, um nur eines Künstlers zu
gedenken, Goujon seinen graziösen
Manierismus fortsetzt. In Venedig
aber Endet Parmeggianino in Andrea
Meldolla, genannt Schiavone, einen
eifrigen Interpreten, der seine Kom-
positionen aufnimmt und mit Griffel
und Pinsel sie wiederholt, variiert,
dem eigenen, venezianisch-male-
rischen Ausdrucksvermögen anpaßt."
Und schließlich scheint auch Vittoria
- abgesehen von stilistisch nach-
weisbaren Übereinstimmungen - ein
engeres Interesse für Parmeggianino
gehegt zu haben: nicht umsonst
erwarb er, 1560, das bereits damals
' Vgl. Lili Fröhlich-Bum, Andrea Meldolla,
genannt Schiavone, im jahrbuch der kunsthistorischen
Abb. 23. David, französisch, Ende des XVI. Jahr- Sammlungen des Allerhöcbsten Kaiserhauses, Wien,
hunderts 19:3, Band XXXI.