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Full text: Monatszeitschrift XIX (1916 / Heft 10)

charakterisieren. Darin aber Gründe des Tadels zu finden - wie dies 
gewöhnlich geschieht -, entspricht nur einer auf florentinischer Renaissance- 
auffassung beruhenden Kritik, die wohl überholt sein dürfte. Die malerischen 
Tendenzen Tullios sind durch die Entwicklung der venezianischen Kunst 
zu Anfang des Cinquecento bedingt: Skulptur und Malerei hatten einen 
gemeinschaftlichen Ausgangspunkt, gemeinschaftliche Wege und Ziele. Und 
eben aus der Betonung dieser malerischen Note kann die Annäherung an 
jene Phase der antiken Kunst erklärt werden, die ebenfalls ihr Streben dahin 
setzte, malerisch zu wirken. s - „, 
ä: 
In der Rumpelkammer der Estensischen Kunstsammlung befand sich 
ein I-Iolzrelief ohne Grund, auf einer gerahmten I-Iolzplatte befestigt, das, 
befreit von einem dicken, nachträglichen Goldanstrich, jetzt einen Ehren- 
platz unter den venezianischen Holzskulpturen der Sammlung einnimmt. 
Es stellt die Pietät-Gruppe mit Oranten dar und gehört allen Anzeichen nach 
in den Anfang des Cinquecento, stilistisch zu den Werken der Lombardi- 
Werkstatt, entbehrt aber jene prägnanten Charakteristika, die ermöglichen 
könnten, es einem bestimmten Meister zuzuschreiben (Abb. I0). " 
Maria sitzt in der Mitte, den Leichnam Christi, der links vom heiligen 
Johannes unter den Achseln gestützt wird, auf dem Schoße haltend; von 
rechts her nähert sich die heilige Magdalena, gebeugt, die Rechte an die 
Brust legend; zu äußerst links ein heiliger Franziskaner mit über der Brust 
gekreuzten Händen, rechts eine heilige Nonne, ein Skapulier tragend. 
Komposition und einzelne Figuren erinnern an die Reliefs Tullios im 
Santo." Die schreitende Bewegung des Johannes kehrt an der Gestalt des 
Thaumaturgs wieder. Auch die kulissenartigen Figuren, welche rechts und 
links die eigentliche Handlung flankieren, haben ein Analogon in den 
Paduanischen Reliefs. Unser heiliger Franziskaner entspricht dem Begleiter 
des Antonius auf der Darstellung des Wunders an dem Geizhals. Auch die 
Typen der Frauen stimmen miteinander überein: die jugendlichen mit der 
Magdalena, die, gleich den Gestalten Tullios, den Mund halboffen hält, 
wogegen Maria und die heilige Nonne zu jener älteren Frauw" gereiht werden 
können, die Tullio ganz im Flachrelief an der Szene mit dem Wunder an 
dem Jüngling neben dem Wundertäter angebracht hat. 
Der Stil Tullios hat hier auf einen Holzschnitzer gewirkt, der sich aber 
in vielen Einzelheiten von dem quattrocentesken Naturalismus - man 
betrachte die noch gotisch gebogenen Falten an dem Gewande Mariä - 
nicht ganz befreit hat. Tullios Christus und Apostel an dem Relief der 
Krönung Mariä in S. Giovanni Crisostomo sind durch die Antike 
" Höhe: 018 Meter, Breite: 0-44 Meter. 
f" Vgl. auch mit dem Relief der Grablegung in der Sakristei der Salute-Kirche zu Venedig, ebenfalls der 
Werkstatt Tullios zugehörig. (Paoletti, a. a. 0., 11., Seite x46 und Seite x94.) 
"'" Der Einliuß spätantiker Sarkophage ist evident und die Parallelerscheinung zu jener Frauengestalt 
Nicolö Pisanos, die auch Sansovino in einem späteren Santa-Relief von demselben Dugento-Meister bewußt 
entlehnte, höchst bemerkenswert.
	        

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