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Full text: Monatszeitschrift XIX (1916 / Heft 11 und 12)

gute Einzelarbeit finden, allein der Sinn für Geschmackswert sinkt und aus der ehemals 
reizvoll gestickten wird die gepreßte Blumenweste beim Herrn. Daß in der Zeit von 1870 
bis 1900, die die Ausstellung beschließt, uns manches Kostüm mehr einem Lachkabinett 
zu entstammen scheint als einer Modekultur, mag wohl seinen rein psychologischen 
Grund darin haben, daß man gegen den Geschmack der Väter immer etwas ungerecht ist. 
Anderseits aber enthält dies Gefühl wieder den Kern, aus dem der „Wille zur Tat" 
gekommen ist, den der Verein des Modenmuseums in unseren schweren Zeiten gezeigt 
hat und der ihn besonders bei seinen künftigen Ausstellungen, in der er uns die Mode des 
Tages zeigen wird, beleben mag. W. Kurth 
EINRICH TESSENOW. HAUSBAU UND DERGLEICHENR" In der 
verlegenen Liebenswürdigkeit dieses Titels ist der ganze Charakter des Buches aus- 
gesprochen: seine systemlose Ungezwungenheit, sein Verzicht auf literarische Ausformung, 
seine taubengleiche Sanftmut, der doch ein entsprechender Zuschuß von Schlangenklugheit 
beigemengt ist. Diese zwanglose Ungebundenheit aber, die sich so gehen läßt und wie 
Freund zum Freunde, Mutter zum Kinde mit uns spricht, ist im tiefen Grunde sicherer 
Überzeugung und klarer Erkenntnis des Wesentlichen fest eingewurzelt. Daß „Hausbau 
und dergleichen" nicht eine Sache individueller Willkür, nicht einmal das Ergebnis künst- 
lerischer Begabung sein soll, sondern mit seinem Wohl und Wehe von der Einheit einer 
ihm zugrunde liegenden allgemeinen Kultur abhängt, wissen wir schließlich alle; aber wie 
Tessenow sagen würde, wir sagen es uns nur leise oder nur nebenbei und denken dann 
wieder an andere Dinge, er aber denkt an nichts anderes oder, besser ausgedrückt, wenn 
er an alles andere denkt, liegt dem doch die Gewißheit zugrunde, daß wir einfacher und 
klarer und ehrlicher werden müssen, um eine Bauweise zu bekommen, aus der einmal eine 
Architektur - mit aller diesem Namen innewohnenden hohen Würde - herauswachsen 
kann. Tessenows Bergpredigt des Bauwesens ist noch mehr eine sittliche Mahnung als 
ein künstlerisches Bekenntnis; gegen die einzelnen Lehrsätze des letzteren könnte die 
Kritik vielfach Einwände erheben - wer sollte denn mehr als die berufsmäßige Skepsis 
des Historikers immer wieder auch an „andere Dinge" denken -, der starken und doch 
zarten Eindringlichkeit der sittlichen Grundlegung möchte sie warm und unbedingt bei- 
pflichten. Wir fühlen uns am Wendepunkt der Zeiten und müssen von der Stufe kindischer 
Zerfahrenheit zur stärkeren Gebundenheit und Glaubensfähigkeit reifen Mannesalters 
emporsteigen, dessen Ernst sich in der mutigen Kraft der harten Gegenwart verheißungs- 
voll ankündigt; aber noch locken die zahllosen Wege und Abwege, auf denen wir unsere 
Kinderjahre verspielt haben, so daß wir nach jeder Führerhand greifen sollen, die uns 
ernst und bestimmt die Richtung weist, deren Notwendigkeit wir ja immerfort dumpf 
empfinden. Ein solcher Führer zu den Grundlagen künftigen Lebens ist Tessenow, in dem 
der neue Geist der Bejahung zu heiterer Selbstverständlichkeit lebendig geworden ist, 
um so mehr, als er nicht nur spricht, sondern auch handelt; sein Werk und seine Lehre 
sind eins. Die gewerbliche Tüchtigkeit, die Sachlichkeit und Sauberkeit machen seine 
Arbeiten zu naturgewachsenen Selbstverständlichkeiten; es sind Häuser und Möbel, wie 
von jedermann oder von niemand hergestellt, zeitlos und ortlos, alles Persönliche rein 
ausschaltend. Und doch ist wieder Tessenows ganze Persönlichkeit in der zwingenden 
Anmut dieser Zeichnungen deutlich erkennbar; aber nicht neben der Allgemeingültigkeit 
der Erzeugnisse und auch nicht über ihr, sondern durch und durch darinnen, etwa wie er 
es vom Ornamentalen so hübsch sagt, wie unser Pfeifen und Singen in der gesunden 
Arbeit oder wie im Kornfeld der Mohn. Hans Tietze 
k Berlin, Verlag Bruno Cassirer, 1916.
	        

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