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MAK

Full text : Monatszeitschrift II (1899 / Heft 8)

geistige Missbildung oder Vernachlässigung. Wie unendlich viele

Gefühle hat der Mensch unter normalen Verhältnissen niemals Gelegenheit

 zu erproben! Gefühle, wie Vaterlandsliebe, Todesverachtung, Aufopferung,

 Feindeshass, Nächstenliebe u. s. w. können oft in Zeiten

politischer oder socialer Stagnation Jahrzehnte hindurch brachliegen,

ohne dass das Leben auch nur die geringste Veranlassung böte, sie

zu entwickeln. Die Folgen davon würden ganz unberechenbar sein,

der einzelne Mensch würde verkümmern, das Menschengeschlecht

degeneriren - wenn nicht die Kunst einträte, um diese Lücken auszufüllen,

 diese Mängel zu ergänzen. Kunst und Spiel sind die beiden

natürlichen, durch die Entwicklung entstandenen Mittel, dem Menschen

einen Ersatz für die Vorstellungen, Anschauungen und Gefühle zu

bieten, die das Leben ihm vorenthält. Was für die Jugend das Spiel,

das ist für das reifere Alter die Kunst. Dem, der in dem gleichmässigen

Trott seines Philisterberufes nichts erlebt, zaubert sie Erlebnisse vor,

die ihn abwechselnd in Freude und Hoffnung versetzen und in Angst

und Trauer stürzen. Dem, der seiner Natur nach temperamentlos

oder übertrieben weichlich ist, führt sie kräftige Leidenschaften,

Kampf und Hass und harte Schicksale vor, dem Rohen und Leidenschaftlichen

 theilt sie sanftere Empfindungen, eine mildere Denkungsart

 mit. Den, der in Leichtsinn und Üppigkeit dahinlebt, lässt sie einen

Blick in das Leben der Armen und Unterdrückten thun und dem, der

sich im Schweisse seines Angesichtes sein tägliches Brot verdienen

muss, gaukelt sie die Genüsse eines höheren und zufriedeneren

Daseins vor. Aber alles das ohne die directe Absicht einer Willensbeeinflussung

 und in einer Form, die den versüssenden Reiz der

Illusion in sich birgt, so dass das Unlusterregende nicht unlusterregend

wirkt, das Lusterregende nicht dadurch, dass man den Mangel seiner

Realität empfindet, enttäuscht.

Danach ist es auch klar, dass die Forderung einer bestimmten

Tendenz, und mag diese sonst noch so gut sein, dem Wesen der Kunst

aufs schroffste widerspricht. Wenn es die Aufgabe der Kunst ist,

überall zu ergänzen, aus den Fragmenten der Menschen ganze

Menschen zu machen, so muss auch ihr Inhalt unendlich mannigfaltig

sein. Denn das Ergänzungsbedürfnis des Menschen ist unendlich gross,

ebenso gross wie die Zahl der Gefühle, die das Wesen der Menschheit

ausmachen. Da jedes Individuum in anderer Weise einseitig, also nach

einer anderen Seite seines Wesens ergänzungsbedürftig ist, so muss

auch der Inhalt der Kunst unendlich mannigfaltig sein. Jeder Mensch

müsste eigentlich, was den Inhalt betrifft, seine eigene Kunst haben.

Eine Ästhetik, die den Inhalt der Kunst einschränkt, ihr eine Tendenz
            
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